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„Am Ende soll es den Menschen gut gehen“ – Familienunternehmer Andreas und Christian Müller

„Am Ende soll es den Menschen gut gehen“ – Familienunternehmer Andreas und Christian Müller

Was macht gute Unternehmensführung heute aus? Darf man noch Macht ausüben oder sollte man sich immer auf Augenhöhe begegnen? Darüber wird viel diskutiert, auch im Hause Mühle. Das sächsische Traditionsunternehmen in Familienhand, das dieses Jahr 75-jähriges Bestehen feiert, stellt hochwertigen Rasierbedarf her und beschäftigt dafür – nach vielen Höhen und Tiefen – heute 85 Mitarbeiter*innen. Ein Gespräch über den Balanceakt Chefsein, das persönliche Menschenbild als Leitmotiv und warum ein Spitzenprodukt nur in einer schönen Umgebung entstehen kann.

Ein sonniger warmer Abend im Erzgebirge. Wie jeden Sommer kommen einmal im Jahr alle zusammen: feste und freie Mitarbeiter*innen von heute und damals und deren Kinder, die Chefs und ihre Familien, es gibt Musik, einen großen Grill und frisch Gezapftes. Es ist die richtige Szenerie für ein Gespräch über Fragen zu Führungsstil und Unternehmenskultur.

Dieses Interview ist vergangenes Jahr vor der Covid-19-Krise entstanden und zuerst im MÜHLE-Kundenmagazin „30 Grad“ erschienen, das man hier kostenfrei abonnieren kann.

Andreas und Christian Mühle
Andreas (links) und sein Bruder Christian Müller
Andreas Mühle
Andreas, Christian, seid Ihr eigentlich gerne Chefs?

Andreas: Wir sind beide nicht die klassischen Rampensäue, die Alphatiere, die immer voran gehen. Aber wir haben eine Vision, wo wir das Unternehmen hinsteuern wollen, wie wir die geeigneten Strukturen dafür aufbauen und die richtigen Leute dafür gewinnen. So sehe ich uns. Wir versuchen, das Unternehmen ständig weiterzuentwickeln, auf eine Art und Weise mit der die Mitarbeiter klar kommen und sich geborgen fühlen.

Andreas, Du hast Theologie studiert, wolltest eigentlich mit dem Unternehmen Deines Vaters und Großvaters nichts weiter am Hut haben. Wann und warum kam Euch erstmals der Gedanke, Ihr könntet in der Führung dieses Unternehmens ein gutes Duo abgeben?

Andreas: So richtig reflektiert haben wir die Entscheidung nie. Christian ist 1989 ins Unternehmen eingestiegen. Das war eine schwierige Zeit hier im Osten, zumal im Erzgebirge so kurz nach der Wende. Alle Betriebe waren aufgelöst oder bankrott, es gab keine Lehrstellen. Unser Vater hat wie viele ums Überleben gekämpft. Da lag Christians Entscheidung nah.

Christian: Es gab auch eine Erwartungshaltung unseres Vaters. Irgendwann erkannte Andreas, dass das etwas werden kann mit der Marke. Als er in die Firma kam, hat es Fahrt aufgenommen. Am Ende ist alles aufgegangen, das Geschäft hat sich gut entwickelt. Alleine hätte ich das nicht schaffen können.

Christian Mühle im Gespräch
Nach Verstaatlichung zu DDR-Zeiten und Reprivatisierung in den 1990ern, konntet Ihr Mühle in der 3. Generation zu dem machen, was es heute ist: ein internationales Unternehmen mit einer breiten Produktpalette und der gesamten Fertigung hier im Erzgebirge, wo alles begann. Was ist Euch in der Unternehmensführung besonders wichtig?

Christian: Was uns immer am Herzen lag, war das Betriebsklima. Schon unserem Vater war es wichtig, dass hier eine positive Stimmung herrscht und die Mitarbeiter das nach außen tragen. Das fand ich inspirierend.

„Wir führen so, wie wir sind und wie wir selbst gerne behandelt werden wollen.“

Andreas Müller
Wie würdet Ihr Euren Führungsstil in wenigen Sätzen beschreiben?

Andreas: Wir führen so, wie wir sind und wie wir selbst gerne behandelt werden wollen. Wir arbeiten hier mit Freunden und Nachbarn zusammen, teilweise kennen unsere Mitarbeiter*innen uns von kleinauf – da begegnen wir uns automatisch auf Augenhöhe.

Christian: Ein Befehlston hat hier nie geherrscht. Das würde auch niemand verstehen.

Andreas: Teils kamen Leute aus Großunternehmen zu uns, wo mit Einschüchterung gearbeitet wurde – die waren andere Führungsstile gewohnt und konnten unsere Art gar nicht verstehen, haben uns das als Schwäche ausgelegt und eine Weile gebraucht, bis sie verinnerlicht hatten, dass wir anders ticken. Wir denken: nur wenn ein gutes Klima herrscht und die Leute stolz sind auf das, was sie tun, kann etwas Gutes entstehen. Sonst verbrauchen sie sich, werden körperlich oder seelisch krank.

Ihr sagtet mal, dass Ihr Bauchgefühl-Typen seid – und Euch so auch Geschäftspartner aussucht. Ist diese Form von Führung ab einer gewissen Unternehmensgröße ausgereizt?

Andreas: Nein. Letztendlich geht es um Intuition, man darf nicht zu lange auf einer Sache herumdenken.

Christian: Wir haben uns selten von Zahlen lenken lassen, vielleicht ist das falsch. Wir sind beide keine Betriebswirtschaftler. Aber das ist unser Stil.

Andreas: Wir wollen mit Leuten arbeiten, die wir mögen. Dafür haben wir durchaus öfter den höheren Preis in Kauf genommen, aber hatten immer Spaß. Wir verbringen ja unsere Lebenszeit hier, das soll Freude machen.

Hinter der Geschichte

Seit einigen Jahren kennen wir die Müller-Brüder und waren regelmäßig auch immer wieder bei MÜHLE vor Ort. Jedes Mal sind wir beeindruckt davon, wie privat die Atmosphäre in der Manufaktur ist – auch zwischen Firmenleitung und Mitarbeiter*innen – und wie gut gelaunt die Belegschaft erscheint. Da wird zwischen Poliermaschine und Laser-Gravier-System kurz vom Grillfest am Wochenende berichtet, ein Spruch geklopft, vom Hauskauf erzählt. Arbeiten mit Bekannten und Freunden – geht das bei einer Unternehmensgröße von ca. 85 Mitarbeiter*innen? Und wie funktioniert das?

Wie sorgt Ihr für Feedback?

Christian: Die Tür bei uns ist immer offen, jeder kann kommen.

Inwiefern wird das in Anspruch genommen? 

Andreas: Sie kommen und sagen: „Wir müssen jetzt reden!“ Egal, ob wir gerade in einem Termin stecken. Wir versuchen uns dann Zeit zu nehmen.

Christian: Wir haben einen Briefkasten, wo man uns Dinge mitteilen und sich beschweren kann. Machen auch einige. Wenn es Zoff gibt, versuchen wir natürlich zu schlichten und appellieren an die Vernunft. Wir sind auch bei kleineren Dingen involviert und fragen uns dann natürlich manchmal: Muss das jetzt sein? Aber am Ende ist das wichtig.

„Wie kannst Du ein Spitzenprodukt produzieren, aber in der Firma sieht es muffig aus? Das geht nicht!“

Andreas Müller
Ihr tut eine Menge für Eure Mitarbeiter*innen: Ihr unterstützt das Leasing von E-Bikes, den schönsten Raum im Gebäude habt Ihr zur Kantine gemacht, Ihr fahrt regelmäßig zusammen weg und es gibt einen Fitnesstrainer, der einmal die Woche Programm macht. Wie kommt Ihr auf die Ideen?

Christian: Wir hören von anderen Firmen, was die alles machen, da lassen wir uns auch inspirieren. Wir überlegen natürlich, wie wir die Mitarbeiter halten können. Bei den E-Bikes und auch dem Sportprogramm haben wir auch noch einen anderen Hintergedanken: Wir wollen die Leute fit halten, damit sich die Krankenzeiten reduzieren.

Andreas: Wir versuchen es hier so schön wie möglich zu machen. Man kann irgendeine Arbeitsbank benutzen oder aber man arbeitet mit den Arbeitsplatzsystemen von Botts, die nach neuestem Standard der Ergonomie entwickelt worden sind. Unsere Stühle sind von Bimos, die aus unserer Sicht die besten Arbeitsstühle herstellen, die es auf der Welt gibt – vom Fraunhofer Institut entwickelt. Wir bezahlen auch die Arbeitskleidung der Mitarbeiter, unterstützen deren Vereine, bieten flexible Arbeitszeitmodelle an und beteiligen Mitarbeiter an Gewinnen. Für uns hängt alles zusammen.

Was heißt das?

Andreas: Wie kannst Du ein Spitzenprodukt produzieren, aber in der Firma sieht es muffig aus? Das geht nicht! Ordnung, Sauberkeit und Design sind wichtig. Es gelingt noch nicht in jedem Ansatz, aber was beispielsweise die Arbeitsbedingungen anbelangt, sind wir richtig weit vorne. Die Frage ist doch immer: Steht der Mensch im Mittelpunkt deines Tuns? Es ist immer ein Balanceakt. Am Ende muss der Kunde zufrieden sein, das Produkt muss einen vernünftigen Preis haben. Aber warum arbeiten wir? Weil wir immer mehr Geld erwirtschaften wollen? Das auch. Wir wollen erfolgreich sein. Am Ende aber soll es den Menschen gut gehen.

Fotos: Debora Mittelstaedt