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„Arbeit sollte Begegnungsort bleiben“ – Laura-Kristine Krause der Organisation More in Common

„Arbeit sollte Begegnungsort bleiben“ – Laura-Kristine Krause der Organisation More in Common

Eine aktuelle Studie zeigt: Gesellschaftliche Konflikte verlaufen nicht mehr entlang demografischer Daten wie Alter, Geschlecht, Herkunft oder Einkommen, sondern basieren auf Werten. Welche Gefahren birgt es also, wenn wir zunehmend mit Menschen arbeiten, die so ticken wie wir und gleiche Werte teilen? Die Leiterin der Studie Laura-Kristine Krause im Interview.

Wie ist es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland bestellt? Die Studie „Die andere deutsche Teilung“ der Organisation More in Common hat Ende vergangenen Jahres genau das untersucht. Eine der besonders wichtigen Erkenntnisse: Gesellschaftliche Konflikte laufen nicht mehr entlang der ökonomischen Achse, sondern basieren auf den Werten der Menschen. Wenn wir also verstehen wollen, wie unsere Gesellschaft heute funktioniert, müssen wir die Menschen zu ihren Werten befragen. Um mehr zu erfahren und daraus Schlüsse für die Arbeitswelt zu ziehen, treffen wir die Studien-Leiterin Laura-Kristine Krause an einem noch winterlichen Vormittag in Berlin-Mitte.

„Wir sollten wachsam sein, was wir uns für Umfelder bauen. Wir brauchen Kontakte zu Menschen mit anderen Wertekonstrukten.“

Laura-Kristine Krause
Zur Person: Laura-Kristine Krause

34 Jahre, war beim politischen Think Tank “Das Progressive Zentrum” beschäftigt, bevor sie als Geschäftsführerin von More in Common Deutschland den Aufbau der Organisation übernahm. Sie studierte Staats- und Politikwissenschaften in Passau, Berlin und Seattle.

Laura, mit Eurer Studie “Die andere deutsche Teilung” habt Ihr den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland untersucht. Was habt Ihr herausgefunden?

Eine sehr grundlegende Erkenntnis war, dass wir unsere Gesellschaft nicht mehr einfach anhand ihrer Einkommen oder Altersstrukturen erklären können. So sind wir es aber gewohnt zu kategorisieren. Heute laufen unsere gesellschaftlichen Konflikte jedoch nicht mehr entlang der ökonomischen Achse, sie basieren auf Werten und auf der sehr unterschiedlichen „Einbettung“ von Menschen in Gesellschaft. Wie wichtig ist uns Loyalität? Oder Gerechtigkeit? Unterschiede in unseren Werten können schon einiges erklären, wie wir als Gesellschaft ticken. Im Grunde ist das eine naheliegende Erkenntnis, jedoch schauen wir noch viel zu selten durch diese Linsen, wenn wir auf Zusammenhalt blicken. 

Eure Studie unterteilt die deutsche Bevölkerung in sechs Gruppen. Welche sind das, was macht sie aus?

Wir haben sechs gesellschaftliche Typen gefunden, die sich auf Basis ihrer Werte und ihrer grundsätzlichen Perspektive auf Gesellschaft gebildet haben. Wir haben Menschen also nicht, wie normalerweise in Studien üblich, anhand der klassischen Merkmale wie Alter, Geschlecht, Beruf oder eben Einkommenssituation gruppiert, sondern in Hinblick auf Werte und Gesellschaft. Die Namen, die wir den Typen gegeben haben, spiegeln ihr Grundgefühl zur Gesellschaft wider.

Welche Gruppen sind das?

Einmal haben wir die Offenen gefunden. Ihre Grundwerte sind Selbstentfaltung und Unabhängigkeit. Das bedeutet, Selbstentfaltung in der Gesellschaft ist ihnen selbst extrem wichtig, aber das gestehen sie eben auch anderen (z.B. Minderheiten) zu. Die Offenen sind oftmals jünger, in Städten lebend und akademisch geprägt. Dann haben wir die Involvierten gefunden, die viel Wert auf Gemeinschaft legen. Sie sind ganz tief in der repräsentativen Demokratie verankert und wollen, dass die Gemeinschaft für alle funktioniert. Sie sind oftmals bürgerlich geprägt und eher ein wenig älter. Die Involvierten haben einen konservativen Bruder: die Etablierten. Die fanden wir sehr spannend, weil sie zum einen stark autoritär und gleichzeitig sehr zufrieden sind. Ihnen sind zum Beispiel Hierarchien extrem wichtig, oder das Einhalten von Regeln. Diese Grundtendenzen haben die Typen nicht nur in gesellschaftlichen Fragen, sondern auch bei Kindererziehung oder in der Arbeitswelt. Denen gegenüber stehen die Wütenden. Die sind wütend aufs System, auf die gesamte Gesellschaft und eher nationalistisch. Auch sie haben eine hohe autoritäre Neigung, aber diese ist aktiviert, da sie sich bedroht fühlen.

More in Common

Die in den USA gegründete Organisation hat sich dem internationalen gesellschaftlichen Zusammenhalt verpflichtet und arbeitet neben den USA und Deutschland auch in Frankreich und Großbritannien. Die erste Studie der Organisation erschien 2018 unter dem Titel “Hidden Tribes” in den USA und sorgte dort für viel Aufsehen. Sie belegt, dass etwa zwei Drittel der US-Bevölkerung einer ermüdeten Mitte angehört, die sich stark nach einer grundlegenden politischen Veränderung und mehr Kompromissen sehnt.

„Wir haben eben nicht eine ganze Generation ‚Fridays for Future‘.”

Laura-Kristine Krause
Und dann gibt es noch zwei Typen, auch betitelt als “Das unsichtbare Drittel”.

Dazu gehören einmal die Enttäuschten. Ihnen ist Gerechtigkeit wichtig, sie wünschen sich eine funktionierende Gemeinschaft, aber sie fühlen sich von ihr weder gesehen noch gut in ihr aufgehoben. Sie arbeiten oft in sozialen Berufen, sind häufiger Frauen und oft schon mit Bewältigung des Alltags ausgelastet. Und die letzte Gruppe sind die Pragmatischen, die weniger politisch oder gesamtgesellschaftlich denken. Abstrakte Konzepte wie „Gesellschaft“ bedeuten ihnen nicht viel, wichtiger ist das persönliche Fortkommen, die Familie. Die blicken nach vorne, wollen, dass Zukunft gestaltet wird. Das sind mit Abstand die Jüngsten. Und das ist dann auch ein gutes Beispiel dafür, was die Leute an der Studie überrascht: die Jüngeren sind sowohl stark bei den Offenen als auch bei den Pragmatischen vertreten. Und wir haben eben nicht eine ganze Generation “Fridays for Future”. In dieser Form bringen alle Gruppen einen dazu, das eigene Gesellschaftsbild zu hinterfragen. 

Was macht die Enttäuschten und die Pragmatischen zusammen zum “unsichtbaren Drittel”?

Sie sind häufiger einsam als andere Menschen und sagen häufiger, dass sie kein Umfeld haben, das sie unterstützt. Diese Typen sind sowohl persönlich als auch politisch nicht gut in unsere Gesellschaft eingebunden. Sie empfinden eine große Distanz zum politischen System, sie wählen seltener. Und deshalb sind sie in politischen Debatten nicht zu hören. Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn es verdeutlicht: Wenn wir auf unsere Gesellschaft blicken, gibt es laute und leise Stimmen. Und wir sollten lernen, auch auf die Leisen zu hören.

Schließlich, auch ein Ergebnis Eurer Studie, hat keine Stimme eine gesellschaftliche Mehrheit. Wieso ist das so eine wichtige Erkenntnis?

Weil keine der Stimmen beziehungsweise gesellschaftlichen Typen alleine die Norm unserer Gesellschaft bestimmt. Alle stehen fast gleichverteilt nebeneinander, weil die Typen alle ungefähr gleich große Anteile der Gesellschaft ausmachen. Das bedeutet, wir müssen mit Menschen zurecht kommen, die andere Wertekonstrukte haben als wir. Sonst funktionieren wir als Gesellschaft nicht und zerteilen uns. Wenn wir also über gesellschaftlichen Zusammenhalt sprechen, sollten diese sechs Gruppen miteinander ins Gespräch kommen.

Menschen bleiben jedoch gerne in ihren Werteumfeldern – privat wie im Arbeitsleben.

Der Mensch sucht sich bevorzugt Umfelder, die wenig konfliktbehaftet sind. Und wir haben natürlich weniger Konflikte, wenn wir mit Leuten zu tun haben, die uns ähnlich sind. Je konfliktreicher es irgendwo wird, desto mehr versuchen wir uns in Gruppen zurückzuziehen, die uns ähnlich sind. Im Privaten war das wahrscheinlich schon immer so, neu ist, dass wir dies auch bei der Arbeit tun.

Inwiefern?

Viele – nicht alle – Menschen haben heute mehr Freiräume entlang ihrer eigenen Werte zu leben, zu arbeiten und sich zu entfalten als das früher der Fall war. Wir haben heute als Gesellschaft nicht komplett neue Wertekonstrukte, sie sind uns nur bewusster und wir leben sie mehr aus. Das hat mit vielen gesellschaftlichen Veränderungen zu tun, vor allem mit der Individualisierung. Wir können aus einer größeren Vielfalt an Lebensentwürfen und Arbeitsformen wählen. Das ist etwas Tolles, einerseits.

Andererseits?

Im Vordergrund stehen dann meist wir selbst, aber nicht die anderen, nicht die Gemeinschaft. Wer beispielsweise unterschiedliche Job-Möglichkeiten zur Auswahl hat, ist wahrscheinlich nicht sonderlich bereit, sich auf einen Arbeitsplatz einzulassen, der nicht seinen oder ihren persönlichen Vorstellungen entspricht. Wir haben mehr Gelegenheit uns unser Umfeld wertehomogen zu „bauen“ und müssen weniger Kompromisse eingehen als vielleicht früher. Das hat vermutlich durchaus Auswirkungen darauf wie wir Gesellschaft erleben. Zudem hat die Digitalisierung neue Arbeitsformen hervorgebracht, die nicht mehr zwangsläufig voraussetzen, dass wir uns bei der Arbeit begegnen. 

„Der Arbeitsplatz war lange ein wichtiger gesellschaftlicher Ort der Begegnung. Es war normal auf Menschen zu treffen, die ganz anders sind als ich.“

Laura-Kristine Krause
Du siehst also eine gesellschaftliche Gefahr darin, dass wir uns heute vermehrt aussuchen können, mit wem wir zusammenarbeiten?

Je mehr ich in homogenen Umfeldern unterwegs bin, desto mehr glaube ich, alle Menschen blicken so auf die Welt wie ich. Dass mein Blick jedoch nicht ansatzweise dem entspricht, wie die Mehrheit der Menschen auf die Welt schaut, müssen wir lernen. Dafür brauchen wir mehr Kontakte zu Menschen mit anderen Wertekonstrukten. Der Arbeitsplatz war lange ein wichtiger gesellschaftlicher Ort der Begegnung, sprich es war kein privater Ort, ich konnte mir dort nicht unbedingt aussuchen, mit wem ich in Kontakt trete. Es war normal auf Menschen zu treffen, die ganz anders sind als ich – und zwar nicht nur einmalig, sondern kontinuierlich. Wenn ich meine Haltung zu Menschen ändern will, die anders ticken als ich, dann ist die kontinuierliche Begegnung der viel größere Hebel. Wenn der Arbeitsplatz als gesellschaftlicher Begegnungsort wegfällt, sollten wir dies in Bezug auf unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt also schon kritisch sehen.

Hinter der Geschichte

Wir kennen Laura-Kristine noch aus gemeinsamen Bürotagen. Während sie und ihr More in Common-Team vergangenes Jahr an ihrer Studie arbeiteten, fast ganze Tage dauernde Interviews führten und im Anschluss ob der Erkenntnisse mal freudig überrascht, mal komplett niedergeschlagen, zurück ins Büro kamen, wurde uns immer klarer: Was sie da untersuchten und herausfanden, ist für uns höchst relevant: schließlich ist der Wertewandel unserer Gesellschaft auch Basis für den Wandel unserer Arbeitswelt.

Dein eigener Arbeitsplatz ist, wie Du sagst, auch nur begrenzt wertedivers. Was empfiehlst Du?

Das kommt auf den Arbeitsplatz an. Aber in der Tat, wir sollten alle, mich eingeschlossen, wachsam sein, was wir uns für Umfelder bauen. Je mehr wir uns „kuratieren“, mit wem wir wo zusammenkommen, desto mehr laufen wir Gefahr, uns nur mit Menschen zu umgeben, die unsere Weltsicht teilen. Das kann langfristig Gesellschaft immer weiter auseinander zu dividieren. Als “More in Common” versuchen wir zu sensibilisieren, dass auch der Arbeitsplatz solch ein Ort der Begegnung ist. Es ist gut, wenn es auch mal Streit oder Meinungsverschiedenheiten gibt, denn das ist in einer pluralistischen Gesellschaft nun einmal so.

„Viele moderne Unternehmen schreiben sich heute Vielfalt auf die Fahnen, meinen aber meist nur die primären Merkmale.“

Laura-Kristine Krause
Was würdet Ihr Arbeitgebern raten?

Dass sie sich als Gesellschaft im Kleinen betrachten. Das würde bedeuten, dass es jenseits der Vielfalt und der Reibung auch eine Vision als verbindendes Element braucht. Warum sind wie hier, was machen wir hier und wo wollen wir hin? Arbeit hat da viel Potential. Außerdem brauchen Orte, also auch Unternehmen und Institutionen, Werte, auf die man sich verständigen kann. Arbeitgeber sollten sich nicht davor scheuen, dieses Thema anzupacken und gemeinsame Werte für ihren „Ort“ zu erarbeiten.

Wenn Unternehmen dann aber nach diesen Werten rekrutieren – schließlich macht Wertekongruenz nachweislich zufriedener –, fördern wir dann nicht die homogenen Umfelder und den Abbau heterogener Begegnungsstätten in unserer Gesellschaft?

Man kann als Unternehmen transparent machen, wofür man steht und dieses Gerüst der Unternehmenswerte dient dann als verbindendes Element. Gleichzeitig dürfen und sollen die persönlichen Werte der Mitarbeiter unterschiedlich sein. Viele moderne Unternehmen schreiben sich heute Vielfalt auf die Fahnen, meinen aber meist nur die primären Merkmale wie Alter, Geschlecht, Ethnie oder sexuelle Orientierung. Jedoch nicht, dass bei ihnen zum Beispiel Involvierte, die viel Wert auf Gemeinschaft legen mit Pragmatischen, denen vor allem das persönliche Fortkommen wichtig ist, zusammenarbeiten. Schließlich ist es natürlich auch anstrengend, wahre Wertevielfalt zu leben. Aber eben auch fruchtbar und elementar für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und wenn wir uns alle mal genau umschauen, gibt es im Alltag nicht mehr so viele Orte, die besonders wertedivers sind. 

Und das war früher anders?

In der Debatte um gesellschaftlichen Zusammenhalt wird schon lange beklagt, dass exakt die Orte, die Schichten, Generationen und persönliche Hintergründe durch Begegnung traditionell überbrücken konnten, immer mehr an Bedeutung verlieren. Man denke nur an Kirchengemeinden, das ehrenamtliche Engagement in Vereinen, auch in Parteien – diese Organisationen sind auch alles „Orte“ und vor allem solche, an denen sich sehr unterschiedliche Menschen getroffen haben. Sie alle haben in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung verloren.

Und zum Schluss: Wo sind die Begegnungsorte der Zukunft – jenseits des Arbeitsplatzes?

Das ist genau die Frage der Zukunft und mit der beschäftigen wir uns bei More in Common aktuell auch intensiv – trotz Corona. Unsere Vermutung: Oft sind es heute die Alltagsorte, zum Beispiel in der Deutschen Bahn, da hocken die unterschiedlichsten Leute sechs Stunden nebeneinander. Oder Möbelhäuser wie IKEA bilden auch einen großen Querschnitt unserer Gesellschaft. An Orten wie diesen wünsche ich mir mehr Bewusstsein dafür, dass man gesellschaftlich zusammen kommt, dass es eine Rolle spielt, wie man miteinander umgeht.

Info: Mit dem Quiz von More in Common kann man herausfinden, wie man selbst auf Gesellschaft blickt und welcher gesellschaftliche Typ man ist. 

Mehr über die Gesellschaftsstudie von More in Common in den USA: “Hidden Tribes”, 2018