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Arbeiten auf Bali: „Wir können etwas bewirken“

Arbeiten auf Bali: „Wir können etwas bewirken“

„Du musst dich im Chaos aufgeben, denn wenn du versuchst es zu bekämpfen, gehst du unter“, so beschreibt der gebürtige Bremer Nino Lotze seine Heimat Bali. Lange pendelt Nino zwischen den Welten und Kulturen – bis es ihn schließlich ganz auf die Insel zieht, wo er heute ein Unternehmen aufbaut, das sich für den Umweltschutz und sauberes Wasser einsetzt. Wie fühlt sich das Arbeiten auf Bali an – im vermeintlichen Paradies?

Strand auf Bali
Der Arbeitstag beginnt mit Surfen

6 Uhr morgens, die Sonne geht auf. Nino schnappt sich sein Surfbrett, setzt sich aufs Motorbike und fährt ans Wasser. Er läuft über den Strand in die Fluten und surft, zusammen mit der noch tiefstehenden Sonne, die schönsten Wellen des Indischen Ozeans ab. Das ist kein Urlaubskitsch, sondern Ninos Start in einen normalen Tag – bevor er mit seiner Freundin Sara in dem von tropischem Garten umgebenen, nach außen hin komplett offenen Wohnzimmer frühstückt und um 8 Uhr ins Büro seines Eco-Start-Ups fährt. Sieht es so aus – das Leben und Arbeiten auf Bali?

Dass sich Ninos Alltag einmal so gestalten würde, war nicht immer klar. Zum einen, weil der Weg alles andere als einfach war und zum anderen, weil er sich bis heute oft zwischen seinen beiden Heimatsorten – Deutschland und Indonesien – seit Kindesalter hin und her gerissen fühlt.

Eine Kindheit zwischen den USA, Bali und Deutschland

Nino ist sieben Jahre als als er mit seiner Mutter von Venice Beach, USA nach Bali, Indonesien umzieht. Er wird eingeschult, lernt die Sprache, die Lebensweise, schließt Freundschaften, bekommt eine kleine Schwester. Einmal im Jahr, im Sommer, geht es zu den Großeltern in seine Geburtsstadt Bremen. Über die Jahre fängt er an beides zu lieben: das Leben in Deutschland mit seiner Struktur, Sicherheit und Stabilität und das Leben auf Bali mit seiner Ausgeglichenheit, Freundlichkeit und dem tropischen Chaos. Mit 16 entscheidet er sich für das Leben in Deutschland – vorerst. Er zieht zu seinen Großeltern nach Bremen, baut ein soziales Leben auf, macht sein Abitur und Zivildienst. Seine Liebe zu Indonesien lässt ihn dabei nie los. Und so entscheidet er sich, International Studies of Global Management mit Indonesien Schwerpunkt an der Hochschule Bremen zu studieren. Er macht sein Auslandssemester und Praktikum auf Bali und fliegt auch sonst zu jeder Gelegenheit hin. „Es war ein ständiges Hin und Her zwischen den Welten“, sagt Nino. Dann setzt er sich in den Kopf ganz zurückzugehen: „Mir war klar, dass das schwierig werden würde, weil gut bezahlte Jobs auf Bali rar sind, aber mein Entschluss stand fest“.

Zuhause auf Bali

Mit einem Stipendium der GIZ, der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, recherchiert und schreibt er seine Bachelorthesis in Indonesien zum Thema „Abfallwirtschaft in Indonesien“. In dieser Zeit wird auch Ninos Leidenschaft für die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit immer größer. Zurück in Deutschland macht er seinen Master in Nachhaltigkeitsökonomie, schreibt seine Masterthesis in Materialwirtschaft / Abfall mit Stipendium vom Fraunhofer Institut und fliegt mit dem United Nations Environment Programm (UNEP) und einer Gruppe anderer Studenten nach China und Manila und untersucht die zugrunde gehenden Phosphor-Aufkommen und Stoffströme.

Dann die Chance: Als Nino vor der Entscheidung steht, in Deutschland zu promovieren oder nach Bali zurückzukehren, bekommt er das Angebot einer belgischen Unternehmerfamilie, für die er während seiner Studienzeit gearbeitet hat, die Rechtsform eines bereits gegründeten Umweltunternehmens zu übernehmen. Nino greift zu: Er übernimmt die Limited Liability, holt sich zwei Partner ins Boot und baut sein eigenes kleines Eco-Start-Up Mantra auf Bali auf.

Das Team des Eco-Startups Mantra
Ninos Wahlheimat Bali
Zur Person

NameSean Nino Lotze

Jahrgang1982

GeburtsortGroß Ippener, Bremen, Deutschland

WohnortPererenan, Bali, Indonesien

JobGründer von Mantra

Nino, was macht Mantra, worauf habt ihr euch spezialisiert?

Wir sind in den Bereichen Energie-, Wasser- und Materialeinsparungen tätig und haben uns darauf spezialisiert, die bestehenden Tourismus Resorts in ihrer Ressourcennutzung zu optimieren. Das heißt, wir untersuchen eine Anlage darauf, ob es im Verbrauch von Energie, Abfall und Wasser Einsparungsmöglichkeiten gibt, ob der Verbrauch minimiert und optimiert werden kann.

„Auf Bali können wir mit dem, was wir tun gesellschaftlich und politisch mitgestalten. Unser Wissen hat hier noch einen sehr viel höheren Wert.“

Nino Lotze
Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Indonesien befindet sich mitten in einer Umweltkatastrophe. Dazu kommt eine nicht funktionierende Regierung, die Korruption zieht sich durch alle Ebenen des Landes. Es gibt zwar Gesetze und Regeln, aber niemand hält sich dran. Am meisten leidet die Umwelt unter dieser Situation. Wir wollten sowohl den Menschen als auch den Unternehmen in Indonesien zeigen, wie man durch leicht umsetzbare Lösungen, finanzielle Einsparungen generieren und gleichzeitig zum Erhalt der Umwelt beitragen kann. Hieraus ist ein Business geworden. Wir bieten einen Anreiz, der über die Umwelthilfe hinausgeht. Das ist ein leichtes Konzept, das von jedem verstanden wird.

Was macht euch aus?

Auf jeden Fall unsere Mischung aus europäischem und indonesischem Know-How. Meine Partner und ich sind in Indonesien aufgewachsen, sprechen die Sprache und verstehen die Kultur; haben aber im Ausland  studiert und einen wissenschaftlichen Hintergrund nach europäischen Standards. Sowohl die indonesischen Unternehmen vor Ort, als auch die deutschen Unternehmen, die hier investieren oder Fördergelder einbringen möchten, schätzen diese Kombination.  

„Ich freue mich jeden Tag über die Insel: Die Leute, die Kultur, das Wetter, der tropische Lifestyle.“

Nino Lotze
Was ist für dich der größte Vorteil an deinem Arbeitsleben auf Bali? 

Auf Bali gibt es für das, was wir machen, noch keine Struktur. Das heißt, wir können mitgestalten und innovativ sein und tatsächlich auch politisch etwas bewirken. Unser Wissen hat hier noch einen sehr viel höheren Wert. Würden wir das Gleiche in Deutschland machen, gäbe es bereits viele Vorreiter und wir müssten uns den existierenden Trends beugen. Darüber hinaus ist es Bali selber. Ich freue mich jeden Tag über die Insel: Die Leute, die Kultur, das Wetter, der tropische Lifestyle. Mein Arbeitstag beginnt damit, dass ich aufstehe und surfen gehe. Einen besseren Start in den Tag gibt es für mich nicht.

Unterwegs zu Kunden von Mantra
Nino auf seinem Motorrad
Sonnenuntergang mit Motorrad
Was stresst dich an deinem jetzigen Arbeitsleben?

Dass ich nicht so viele Erwartungen haben darf. Das Niveau, auf dem ich manche Dinge gern hätte, ist nicht gegeben. Da die meisten Menschen, mit denen wir arbeiten, natürlich kein Verständnis für meine deutsche Ungeduld haben, muss ich mein Tempo und meine Erwartungen an hiesige Norm anpassen. Das kann einen ab und zu ganz schön fordern. (lacht) Außerdem ist es immer wieder eine Herausforderung ohne den europäischen Wohlstand, insbesondere ohne die Struktur, auszukommen. Im öffentlichen Raum wird es immer besonders deutlich: keine öffentlichen Verkehrsmittel, keine planbaren Behörden. Du musst dich im Chaos aufgeben, denn wenn du versuchst es zu bekämpfen, gehst du unter.

„Da die meisten Menschen auf Bali natürlich kein Verständnis für meine deutsche Ungeduld haben, muss ich mein Tempo und meine Erwartungen an hiesige Norm anpassen.“

Nino Lotze
Was vermisst du am Arbeitsleben in Deutschland?

Hin und wieder vermisse ich das angenehme, wenn auch manchmal dröge 9-to-5 Arbeitsleben mit der dazugehörigen Planungssicherheit und dem geregelten Einkommen. Insbesondere wenn meine Freunde in Deutschland ihren Feierabend genießen, während ich bis Mitternacht vorm Rechner sitze und mir die Haare raufe, weil keiner macht, was ich sage. (lacht)

Wie viele Stunden arbeitest du aktuell pro Woche?

60

Wie sieht dein Arbeitsplatz gerade aus?

Wir haben mit der Firma ein Büro in Gianyar, einem kleinen Ort nahe Ubud.  Momentan sind wir zu sechst: Drei Partner und drei Angestellte. Und natürlich ist unser Arbeitsplatz vor Ort bei unseren Kunden, also auf den Anlagen und Resorts, die uns beauftragen. Gerade stehen Projekte mit der Alila Group und mit Ibuku an. Das wird spannend für diese Unternehmen im Feld zu sein und bei ihren Projekten mitwirken zu dürfen. Langfristig möchten wir uns weiter verstärken und auch Diplomanden und Praktikanten aus Deutschland holen. Zusammen mit den Studenten könnten wir starke Case Studies ausarbeiten und vorantreiben. Außerdem sollen sich zukünftig auch Möglichkeiten ergeben, mit Universitäten zusammen zu arbeiten. Irgendwann müssen wir dann hoffentlich in ein größeres Büro umziehen. (lacht)

Kannst du von deiner Arbeit leben?

Ja, aber es ist noch schwer.

Was ist deine größte Herausforderung?

„Hin und wieder vermisse ich das angenehme 9-to-5 Arbeitsleben mit der dazugehörigen Planungssicherheit.“

Nino Lotze

Fokussiert zu bleiben und die Leute immer wieder aufs Neue für das Thema Umweltschutz zu begeistern. Ich weiß, dass wir auf dem richtigen Weg sind, trotzdem benötigen wir Zeit und einen langen Atem.

Gibt es etwas, wovor du Angst hast?

Nein.

Was treibt dich?

Mein Glaube an eine bessere Umwelt. Es ist vor allem die Hoffnung, dass die Menschen irgendwann verstehen, wie wertvoll unsere Umwelt und Allmendegüter sind.

„Ich arbeite dafür, dass die Menschen irgendwann verstehen, wie wertvoll unsere Umwelt ist. Frische Luft, sauberes Wasser, intakte Meere, sind keine Selbstverständlichkeit.“

Nino Lotze
Wovon träumst du langfristig?

Irgendwann autark auf dem Land leben zu können. Wenn ich es schaffe, die Firma weiter auszubauen und mit Anfang 40 eine große Farm zu kaufen, wäre das der Wahnsinn. Ich wünsche mir, dass dort Freunde und Familie aus Deutschland und Indonesien an einem riesigen Tisch sitzen und chillen. Ich träume von glücklichen Menschen, gutem Essen und good times, und davon, dass Freunde und Familie erhalten bleiben. Denn ohne die ist das alles nichts wert.