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„Die Krise zeigt: der Lehrbetrieb kann schnell, agil und flexibel reagieren“ – Einblicke in systemrelevante Berufe

„Die Krise zeigt: der Lehrbetrieb kann schnell, agil und flexibel reagieren“ – Einblicke in systemrelevante Berufe

Alle reden derzeit von „systemrelevanten“ Berufen – gemeint sind Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen, Lehrer*innen und all diejenigen, die jetzt in der Krise den Laden am Laufen halten. Wir wollen wissen, wie die Arbeit in diesen Berufen derzeit aussieht und was Corona für jede*n einzelne*n bedeutet. Folge 3: Lehrerin Maren Fronzek

Maren Fronzek, 38 Jahre

Lehrerin an einer Stadtteilschule in Hamburg  

“Seit Beginn der Schulschließung ist bei uns alles anders. Plötzlich sind wir alle Zuhause: Ich, die normalerweise versucht, nur von der Schule aus zu arbeiten. Mein Mann, der normalerweise unter der Woche in einer anderen Stadt arbeitet. Und unsere drei Kinder, die sonst täglich bis nachmittags in der Kita betreut werden. Die ersten Tage dachte ich noch, vielleicht wird es sogar ganz gemütlich. Dann ging es ziemlich intensiv los. In kürzester Zeit musste ich Online-Formate für meine Schüler*innen auf die Beine stellen, mein Mann rannte mit Kopfhörern telefonierend durch die Küche, unsere Kinder wollten betreut werden. Alle waren super gestresst, ich zwischendurch am Verzweifeln: Wie sollte ich mit drei Kindern mehrere Klassen unterrichten, unterstützen, benoten, bewerten? 

„Es ist schwierig, Schüler*innen zu unterrichten, die zuhause keine Dokumente öffnen oder ausdrucken können.“

Maren Fronzek, Lehrerin

Dann haben wir uns als Familie organisiert und den Tag strikt eingeteilt. Seitdem geht es. Vormittags ist mein Mann im Home Office, ich kümmere mich um die Kinder. Das heißt: kein Handy, kein Computer, kein “nur mal eben kurz”. Ausschließlich spielen, vorlesen, puzzlen. Ab 12 Uhr übernimmt mein Mann und ich habe Zeit für die Unterrichtsvorbereitung, E-Mail-Korrespondenz mit Schüler*innen, Absprachen mit Kolleg*innen, Telefongespräche mit Eltern.

Die größte Herausforderung bislang: einen einheitlichen Kommunikationsweg mit Schüler*innen und Eltern zu finden, der digital verläuft, aber nicht über WhatsApp geht. Die meisten Familienhaushalte meiner Schüler*innen sind nicht mit einem Computer ausgestattet. Es hat zwar jeder Haushalt mindestens ein Smartphone, aber da laufen überwiegend Unterhaltungs-Apps, keine Arbeits-Tools. Es ist schwierig, Schüler*innen zu unterrichten, die zuhause keine Dokumente öffnen oder ausdrucken können. Mit dieser Situation war ich fast eine Woche lang beschäftigt: Alle auf einen digitalen Kommunikationsweg zu bringen, um dann auch irgendwann einmal Arbeitsergebnisse austauschen zu können.

„Ich habe viel dazu gelernt, neue Dinge ausprobiert, es gibt Erfolgserlebnisse.“

Maren Fronzek

Es gibt aber auch viele schöne Momente: der gute Austausch mit den Schüler*innen, ihr Bemühen, ihre Rückmeldungen, die gegenseitige Hilfe im Kollegium, die sehr dankbaren Gespräche mit Eltern. Das tut gut in dieser ganzen Situation. Für alle geht es momentan darum, die Nerven zu bewahren. Insbesondere die Eltern setzen sich sehr unter Druck, dass sie jetzt in der Verantwortung stehen, ihre Kinder bei den Unterrichtsaufgaben zu unterstützen. Die meisten geben sich extrem viel Mühe, trotz des persönlichen Stresses, den alle haben. Viele Eltern arbeiten ja weiter. Ob aus dem Home Office oder von woanders, in beiden Varianten ist es für sie fast unmöglich, ihre Kinder den ganzen Tag zu beaufsichtigen und bei den Schulaufgaben zu helfen – ein unglaublicher Druck entsteht so. Ich versuche zu vermitteln und mir auch selbst zu sagen: es ist nicht so schlimm, wenn mal etwas nicht fertig wird oder perfekt läuft, alle geben gerade ihr Bestes. Dass diese Zeit so herausfordernd ist, macht es auch spannend. Ich habe viel dazu gelernt, neue Dinge ausprobiert, es gibt Erfolgserlebnisse. 

Auf meinen Job blicke ich sehr positiv, nicht erst seit der Corona-Krise. Mir wird aber gerade noch einmal mehr vor Augen geführt, dass mein Job zu den Berufen gehört, auf die es keinen Verzicht gibt und die wichtig für den Systemerhalt sind. Da habe ich vorher nicht drüber nachgedacht, wird aber jetzt völlig klar. Das tut gut.

Der Fall Corona zeigt außerdem: Wenn es wirklich nötig ist, dann wird im Lehrbetrieb unglaublich schnell, agil und flexibel reagiert. Dinge, die sonst lange Entscheidungswege erfordert hätten, werden innerhalb eines Tages entschieden, zum Beispiel beim Thema Digitalisierung. Diese Schnelligkeit würde ich mir auch im normalen Schulentwicklungsprozess wünschen.”