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Eine Dekade Neue Arbeit: Zehn Jahre, zehn Köpfe, zehn Meinungen

Eine Dekade Neue Arbeit: Zehn Jahre, zehn Köpfe, zehn Meinungen

Ein Jahrzehnt geht zu Ende, und es war geprägt von großen Veränderungen in unserer Arbeitswelt. Diese ist heute flexibler, digitalisierter und automatisierter als noch 2010. Den Dekadenwechsel vor Augen wollten wir von zehn Expert*innen wissen, wie sie die verschiedenen Aspekte des Wandels erlebt haben.

Im vergangenen Jahrzehnt wurde eine neue Ära der Arbeit eingeläutet. Welche Versprechen wurden eingelöst, was blieb bloße Theorie? Ist unsere Arbeitswelt wirklich vielfältiger, partizipativer, agiler und innovativer geworden? Ein abschließendes Resümee wollten wir alleine nicht wagen und haben uns daher für den subjektiven Weg entschieden.

Zehn Expert*innen, die die Dekade beobachtet und geprägt haben, ziehen ihre persönliche Bilanz. Gemeinsam mit ihnen lassen wir eine Dekade Neue Arbeit Revue passieren, räumen mit ein paar Mythen auf und schaffen so Platz haben für die Zukunft. Willkommen, 2020!

Ist unsere Arbeitswelt vielfältiger geworden, Kübra Gümüsay?

„Die Arbeitenden in Deutschland sind vielfältig – doch unsere Strukturen, die Führungsmethoden und die Architektur unserer Arbeitswelt sind es nicht. Für wen sind unsere Arbeitswelten designed? An wen angepasst? Für alleinerziehende Mütter? Für Frauen of color? Für junge Menschen mit Behinderung? Für Menschen, die die Pflegearbeit ihrer kranken Eltern übernehmen? Menschen, die gesellschaftliche Verantwortung schultern? Sich in Parteien engagieren? Die Demokratie stärken? Eine offene, bunte Zivilgesellschaft stark halten? Das nachbarschaftliche Zusammenleben beleben? Welche Personen sind die idealen Angestellten, um die herum wir unsere Arbeitswelten aufbauen? Welche Lebensstile belohnen wir, welche fallen durch? Sind die idealen Angestellten engagierte, hilfsbereite, wache, kritische Bürger*innen?

Unsere Arbeitswelt prägt, formt und bestimmt einen Großteil unserer individuellen Lebenszeit – und damit strukturell auch das Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Und wie wir heute feststellen müssen: Auch die Zukunft unserer Demokratie.“

Kübra Gümüsay

ist freie Journalistin, Netz-Aktivistin, Bloggerin und Social Media Beraterin, zuletzt für die Universität Oxford. Sie schreibt und referiert zu den Themen Internet, Feminismus, Rassismus, Islam und Politik.

Ist Deutschland endlich innovativ genug, Wolf Lotter?

„Ich glaube, wir sind noch immer nicht innovativ genug. Deutschland hat nach wie vor keine Innovationskultur entwickelt, sondern klammert aus Angst vor der Transformation noch stärker als vor einigen Jahren am Alten fest. Aber das wird sich ändern. Wenn die Menschen erstmal den Zusammenhang zwischen ihrem Leben und ihrer eigenen Innovationsfähigkeit erkannt haben, wird sich etwas ändern. Dieser Innovationszusammenhang ist das wichtigste.“

Wolf Lotter

ist Autor, Journalist, Vortragsredner. Der Mitbegründer des Wirtschaftmagazins „Brandeins“ beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit unserer Arbeitskultur. 2018 erschien sein neuestes Buch „Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken“.

Ist unsere Arbeitswelt grüner geworden, Anna Schunck?

„Ob unsere Arbeitswelt wirklich grüner geworden ist, wage ich nicht zu beurteilen. Was man sicher sagen kann, ist, dass sie bewusster geworden ist. Viel bewusster. Besonders im vergangenen Jahr. Die Klimakatastrophe, Organisationen wie Fridays for Future und Extinction Rebellion, die uns ständig daran erinnern, die allgemeine Repolitisierung – das alles hat viele Einzelne umdenken lassen. Und viele Einzelne machen ja immer ein Ganzes. So gibt es mittlerweile durchaus ganze Unternehmen, die ihre Kantinen im letzten Jahr plastikfrei gestaltet haben, Firmen, die Elektroladestationen anbieten oder auf Ökostrom umgestiegen sind. Ich kenne eine Schauspielerin, die Hafermilch am Set-Catering etabliert hat und Visagistinnen, die nur noch mit Naturkosmetik arbeiten.

Klingt erstmal wie ein Tropfen auf den heißen Stein? Ich glaube, es ist mehr. Der System-Change, den wir brauchen, um das Erderwärmungsruder noch mal rumzureißen, fängt in unserem direkten Umfeld an. Dieses Umfeld ist oft auch das Arbeitsumfeld. Und wenn ganze Konzerne etwas ändern für ihre Mitarbeiter*innen, dann folgt vielleicht auch Veränderung in den Lieferketten, dann folgt Druck auf die Politik. Und dann können wir hoffen, dass wir Ende 2020 sicher sagen können: Ja, unsere Arbeitswelt ist grüner geworden.“

Anna Schunck

ist freie Journalistin und Moderatorin. Als Co-Founder des Online-Magazins „Viertel \ Vor“ berichtet sie über verschiedene Aspekte der Nachhaltigkeit. Sie schreibt u.a. für Magazine wie „Stern“, „Brigitte“, „Emotion“ und „Gala“.

Wer hat vom Wandel der Arbeit profitiert, Max Neufeind, und wer nicht?

“Vom Wandel der vergangenen zehn Jahre haben vor allem profitiert: Menschen, die zwischen dem Innen und dem Außen einer Organisation vermitteln können. Menschen, die trotz hoher kommunikativer Vernetzung eigenständig Ideen entwickeln. Menschen, die komplexe Gruppensituationen steuern können. Menschen, die Technologie in organisations- und kulturspezifische Anwendungen übersetzen können.

Unter Druck geraten: Führungskräfte, die sich als Wissens- und Machtmonopole begreifen. Organisationen, die keine Strategie für die Durchlässigkeit ihrer Grenzen entwickeln. Unternehmen, die nur auf das Produkt und nicht auf das Wertschöpfungsparadigma schauen. Und natürlich alle, die ihre Arbeit als Routine begreifen.”

Max Neufeind

ist Policy Fellow des Berliner Think Tanks „Das Progressive Zentrum“ und beschäftigt sich mit Fragestellungen rund um die Themen „Digitale Transformation“ und „Zukunft der Arbeit“. Er ist Referent eines Bundesministeriums und wurde vom Wirtschaftsmagazin Capital zu den „Top 40 unter 40“ gezählt.

Sind Unternehmen flexibler geworden, Anna Kaiser und Jana Tepe?

„Unternehmen sind in den vergangenen zehn Jahren definitiv flexibler geworden. Es gibt mehr agile Projekte, mehr diverse Teams, mehr Jobsharing, mehr Home Office, mehr Denken über den Teller… äh, Silorand hinweg. Trotzdem gibt es noch verdammt viel zu tun! Denn Flexibilität beginnt vor allem in den Köpfen – und dort befinden sich auch immer noch die größten Hürden.“

Anna Kaiser & Jana Tepe

bieten mit ihrem Start-up „Tandemploy“ Softwarelösungen zur Flexibilisierung von Arbeit und betreiben eine Plattform für Jobsharing. Von der BBC wurde Jana Tepe 2015 zu den einflussreichsten „30 under 30“ gewählt.

Wie nah sind sich Mensch und Maschine gekommen, Mads Pankow?

„In den vergangenen zehn Jahren sind wir von der Konkurrenz mit der Maschine zur Kooperation gekommen, von Hype und Panik zur Abklärung. Die Mensch/Maschine-Beziehung ist ein bisschen erwachsen geworden. Das heißt, auch wenn die Leidenschaft der Anfangsjahre fehlt – wir sind uns nahe wie nie. Siri und ihre Geschwister schlafen selig auf unserem Kopfkissen und wir müssen sie selbst beim Autofahren ständig bei der Hand halten. Aber ähnlich sind wir uns dadurch glücklicherweise noch immer nicht geworden.“

Mads Pankow

ist Autor und Gründer der Zeitschrift für Gegenwartskultur „Die Epilog“. Er ist als Policy Advisor bei der Digitalagentur des Bundesfamilienministeriums tätig. Von 2014 bis 2019 organisierte er jährlich die Konferenz „Digital Bauhaus“ in Weimar.

Wird heute anders geführt als noch vor zehn Jahren, Katja Ohly-Nauber?

„Eine Fähigkeit, die für Führungskräfte schon immer wichtig war, hat aus meiner Sicht in den vergangenen zehn Jahren noch mehr an Bedeutung gewonnen: Managing oneself. Gerade in Zeiten, in denen sich ständig alles ändert und unvorhersehbar und volatil ist, muss man als Führungskraft wissen, wer man ist, welche Stärken man hat, welche Werte man vertritt und wie man diese in seinem Arbeitsumfeld am besten leben kann, um auf der Basis auch die Beziehungen und die Kommunikation mit Kolleg*innen, Mitarbeiter*innen und Chef*innen erfolgreich zu gestalten. Es gibt dazu ein sehr gutes Büchlein mit dem gleichnamigen Titel von Management-Papst Peter Drucker. Äußerst lesenswert!“

Katja Ohly-Nauber

leitet als Chief Marketing Officer bei Mercedes-Benz Deutschland ein Team aus 50 Mitarbeiter*innen. 2010 hat sie nebenberuflich die Fitness-Community „Lauf Mama Lauf“ gegründet, die heute erfolgreich als Franchise-Unternehmen operiert.

Beuten wir uns immer noch selbst aus, Jakob Schrenk?

“Im Jahr 2007 habe ich ein Buch über die ‚Künstler der Selbstausbeutung‘ geschrieben: Moderne High-Performer, die permanent erreichbar sind, die ihre Kolleg*innen als Freunde betrachten, sich von ihrem Job mindestens Glück oder gleich die Rettung der Welt versprechen – und deshalb viel zu viel arbeiten. Meine These lautete: Der Job gleicht sich dem Privatleben an und frisst es dadurch auf.

Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Welt dramatisch verändert, es gibt neue Berufe, neue Werkzeuge und neue Probleme, die wir lösen müssen. Aber auch mein Blick auf die Arbeitswelt hat sich verändert. Ich finde es bewundernswert, wie kreativ und geschickt viele Menschen die Vorteile der neuen, freieren Arbeitswelt nutzen. Unter den Nachteilen scheinen sie gar nicht allzu sehr zu leiden. Man arbeitet vielleicht ab und an nach 20 Uhr oder am Sonntag, geht dafür aber am Montag zum Skifahren (da ist eh weniger los).

Und der Fachkräftemangel führt dazu, dass man den Wert der eigenen Arbeitskraft kennt – und deshalb auch mal selbstbewusst „nein“ zum Chef oder zum Kunden sagen kann. 2007 dachte ich, dass der Traum einer neuen Arbeitswelt zum Albtraum wird. Aber vielleicht war ich da zu pessimistisch.”

Jakob Schrenk

schreibt als freier Journalist u.a. für „Süddeutsche Zeitung“, „Berliner Zeitung“, „Tagesspiegel“, „Taz“ und „Standard“. Zudem unterrichtet und promoviert er am Institut für Soziologie der LMU München.

Welche Arbeitsmethoden haben sich in den vergangenen zehn Jahren durchgesetzt, Verena Augustin?

„Wir haben lange versucht Co-Creation auf alle Bereiche anzuwenden – das Learning daraus: Wenn alle mitreden dürfen, kommen wir dann wirklich zu besseren Ergebnissen und wer fühlt sich überhaupt noch verantwortlich? Verantwortung übernehmen klappt in klassischen Hierarchien immer noch besser als in der hierarchiefreieren neuen Arbeitswelt, einfach, weil es da noch nicht gut geregelt ist. Hier geht es jetzt darum, eine Klarheit innerhalb der Komplexität zu schaffen. Weiteres Learning: Auch Selbstmanagement ist nicht für jeden ein Geschenk. Denn auch hier geht es darum, Verantwortung zu übernehmen. 

Aktuell bewegt mich vor allem: Wie ermöglichen wir horizontale Karrieren? Das heißt: Wie erweitere ich mein Skillset, entwickle mich weiter, komme voran, erfahre Anerkennung, ohne automatisch Führungsverantwortung übernehmen zu müssen? Wir sollten in Skillprofilen denken und nicht in Hierarchieprofilen. Und wir müssen Mitarbeiter*innen ermöglichen, sich weiterzubilden, ihre Fähigkeiten zu diversifizieren. Zum Beispiel, in dem wir Einblicke und Lernerfahrungen in anderen Arbeitsbereichen ermöglichen. Wieso ist es nicht völlig normal, Praktika bei anderen Unternehmen zu machen?“

Verena Augustin

Ist Partnerin bei der Innovations- und Design-Agentur IXDS. Seit 2012 hat sie eine Gastprofessur für Service Design an der Fachhochschule Potsdam inne.

Welche neuen Berufe hat die Digitalisierung hervorgebracht, Jannike Stöhr?

„Durch die Digitalisierung sind bereits viele neue Jobs entstanden: Zum Beispiel Data Scientists, Social Media Manager oder Requirements Engineers, diese Jobs sind in den letzten Jahren immer gefragter geworden. Der Filter Bubble Burster oder der AI Value Designer sind ebenfalls Berufe, die kommen.“

Jannike Stöhr

hat nach einer Karriere bei Volkswagen die Stopptaste gedrückt und 30 verschiedene Berufe ausprobiert. Ihr neues Projekt beleuchtet die Jobs der Zukunft. Sie ist Bestseller-Autorin und Coach.

Illustration: Eva Dietrich

Fotos: Kübra Gümüsay by Mirza Odabaşı / Wolf Lotter by Sarah Esther Paulus / Anna Schunck by Michi Schunck / Max Neufeind by Marc Darchinger / Mads Pankow by Steven Haberland