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„Schule muss Mut und Optimismus vermitteln“ – Politiklehrer Philip Elsen über zukunftsfähige Bildung

„Schule muss Mut und Optimismus vermitteln“ – Politiklehrer Philip Elsen über zukunftsfähige Bildung

Der Wandel der Arbeitswelt stellt nicht nur die Wirtschaft vor große Herausforderungen – sondern auch das System Schule. Der Berliner Politiklehrer Philip Elsen will dieses System neu denken und den Erwartungen seiner Schüler*innen ans Arbeitsleben Raum und Stimme geben. Dafür geht er ungewöhnliche Wege und holt sich auch schon mal prominente Unterstützung.

Es ist schon einige Zeit vergangen, seit wir Philip Elsen zum ersten Mal begegneten. Er hatte für die Schüler*innen der Oberstufe des Berliner Beethoven-Gymnasiums ein Zukunftsforum mit dem Titel Arbeitswelt 4.0 organisiert und dafür interessante Gäste eingeladen.

„Die Arbeitswelt wandelt sich, die Welt sowieso – die Schule sollte sich mit wandeln.“

Politiklehrer Philip Elsen

Wir durften an diesem Vormittag zuhören und haben Philip später – lange vor der aktuellen Corona-Krise – zum Interview getroffen. Das Diskutierte ist trotz Krise nicht minder aktuell.

Philip Elsen mit einer Schülerin
Interview im Schulhof
Anna Volquardsen und Philip Elsen
Gespräch im Freien
Philip, der Name unseres Magazins ist “DEARWORK”. Müsstest Du einen Brief an Deine Arbeit schreiben, was würde drinstehen? 

Oh, das ist zum Einstieg gar nicht so einfach. Ich probiere es mal, auf die Gefahr hin, dass es so spontan vielleicht etwas pathetisch oder holzschnittartig wird. Da ich nur gemeinsam mit meinen Kolleg*innen etwas bewegen kann, würde ich den Brief an sie adressieren:

Liebe Kolleg*innen, wir können es schaffen, Schule noch stärker zukunftsfähig zu gestalten, sodass die Schüler*innen mit noch größerer Begeisterung zu uns kommen. Ich wünsche mir, dass die jungen Change Maker von morgen verstehen, warum sie sich zu uns aufmachen, warum dies ein Privileg ist und ihr Leben bereichern kann. Ich wünsche mir, dass sie noch mehr verstehen, wie sie die bei uns erlernten Fähigkeiten später gebrauchen können. Und ich wünsche mir – und das gilt für unser Bildungssystem insgesamt –, dass alle Schüler*innen, egal mit welchem sozialen Background, fairere Startbedingungen und Chancen erhalten, noch mehr selbstbestimmte Autor*innen ihres eigenen Lebens werden zu können. 

Und wir? Müssen uns immer wieder fragen: Auf welche Welt bereiten wir vor? Die Welt verändert sich wahnsinnig – durch gesellschaftspolitische und gleichzeitig zu meisternde Herausforderungen und Transformationsprozesse wie die Digitalisierung, neue und nachhaltige Arten des Arbeitens, des Wirtschaftens und Bekämpfung der menschengemachten Klimakrise. Wie können wir unseren Schüler*innen heute helfen, ihre Potentiale in dieser Welt zu entfalten? 

Ich kenne nur eine Antwort: Durch Begeisterung, fundiertes und interdisziplinäres Wissen, Selbstbewusstsein, Offenheit, Urteils- und Handlungskompetenz, demokratisches und nachhaltiges Bewusstsein und Kreativität. Hier sind selbstverständlich auch Haltungen gefragt und so geht es meiner Überzeugung nach im Unterricht auch immer um die Vermittlung von Werten. Lasst uns das vermitteln!

Um das zu vermitteln, beschreitest Du ungewöhnliche Wege: Gemeinsam mit Deinen Schüler*innen organisierst Du Panels, bei denen Ihr mit bekannten Gesichtern aus Politik und Wirtschaft über das Arbeitsleben 4.0 diskutiert. Ihr dreht Videos, die über Kinderarmut in Deutschland berichten und dafür renommierte Preise abräumen. Kann man nur mit Methoden jenseits des klassischen Lehrplans begeistern?

Ich bin der Meinung, dass wir einen umfassenden Bildungsbegriff brauchen, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht, ganz im Sinne von Alexander von Humboldt. Die Arbeitswelt wandelt sich, die Welt sowieso – die Schule sollte sich mit wandeln. Vieles funktioniert gut in der Schule, aber einiges kann besser werden. Ich kann besser werden. Lange ging es sehr stark um die Vermittlung von auswendig zu lernendem Wissen. Damit man mich hier nicht falsch versteht: Wissen, um mal auf diesen Aspekt einzugehen, ist enorm wichtig und Basis für jegliche dringend notwendige Form von Differenzierung und Genauigkeit. Es muss aber immer verknüpft und bestmöglich an die Lebenswelt der Schüler angedockt werden, sonst ist es totes Wissen. Sonst wird Gelerntes einfach wieder vergessen und man bleibt im Oberflächlichen und rein Emotionalen hängen. Also das Gegenteil von Mündigkeit.

Und wie werden Deine Schüler*innen mündig?

Sie sollen spüren und erfahren, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Wo ihre Potenziale liegen und wie man differenzierte, unterschiedliche Perspektiven reflektierend mitdenkt. Ich ermutige sie, Dinge auszuprobieren, keine Angst zu haben, sich erlauben zu scheitern. Nur so lernt man. Christoph Schlingensief nannte das: Scheitern als Chance. Die Schüler*innen sollen einfach mit dem Bewusstsein zur Schule kommen, dass sie als jeweils unverwechselbares Individuum wahrgenommen, wertgeschätzt und anerkannt werden. Aus dieser Gewissheit heraus sollen sie lernen, ihre Ziele und Träume zu verwirklichen. Im Rahmen meiner Möglichkeiten im und außerhalb des Klassenraums will ich auch das System Schule neu denken.

„Ich will die Oldschool-Gemäuer einreißen und außerschulische Kooperationen mit Stiftungen oder NGOs an Land ziehen. Ich will Veranstaltungen machen, die nicht nur für unsere Schule gedacht sind, sondern für alle.“

Philip Elsen
Warum eigentlich?

Schule findet nicht im luftleeren Raum statt. Wir müssen uns fragen, was funktioniert an der Schule, was nicht. Was kann besser und nachhaltiger werden? Sind wir auf Krisen vorbereitet? Welche neuen Wege können wir digital gehen? Ich will damit die Oldschool-Gemäuer einreißen und außerschulische Kooperationen mit Stiftungen, Unternehmen oder NGOs an Land beziehungsweise in die Schule ziehen. Ich wünsche mir, noch mehr Veranstaltungen machen zu können, die nicht nur für unsere Schule alleine gedacht sind, sondern die in Kooperationen mit vielen anderen Schulen gedacht werden.

Philip Elsen beim Sportplatz
Zur Person

Philip Elsen, Jahrgang 1979, ist Politiklehrer am Beethoven-Gymnasium im Südwesten Berlins. Er hat schon Schulprojekte mit Martin Schulz umgesetzt, und mit seinen Schüler*innen Preise von Angela Merkel verliehen bekommen. Sein Credo: Er will als Lehrer im Rahmen seiner Möglichkeiten ein Feuerwerk machen. Um auf gesellschaftliche Probleme, die er im Unterricht mit seinen Schüler*innen diskutiert, aufmerksam zu machen, setzt Elsen auf Projekte mit Außenwirkung. So kann er Disziplinen verbinden und die Schüler*innen aus der Schulbubble holen.

Philip Elsen im Gespräch mit einer Kollegin
Eine große Sorge vieler Deiner Schüler*innen ist der Wandel der Arbeitswelt, nicht zu wissen, was kommt. Was denkst Du: Kann sich die Jugend von heute auf ihr Arbeitsleben freuen?

Ein Grundgefühl, das Schule vermitteln muss, ist Mut und Optimismus. Immer. Das ist und wird nicht leicht sein. Denn ich glaube, dass Konflikte und Verteilungsfragen in Zukunft noch zunehmen werden. Gleichzeitig sollen unsere Schüler*innen die Fähigkeit erlangen, kritisch zu sein. Dazu gehört unter anderem eine kritische Medienkompetenz und es gilt die Frage zu beantworten: “Digitalisation is the answer, but what’s the question?”.

Wenn wir über die Zukunft sprechen, gilt: Nichts von dem, was wir über den Arbeitsmarkt der Zukunft wissen, wissen wir wirklich. Es gibt Studien, die besagen, dass die Hälfte der heute existierenden Arbeitsplätze wegfallen wird. Und andere, die besagen, dass die Digitalisierung mehr Jobs schaffen wird, als sie vernichten wird. Was davon wird wahr? Was wir mit Sicherheit wissen: die Entwicklungen werden nicht als Naturgewalt über uns hereinbrechen, wir können sie mitgestalten.

„Unsere Schüler*innen sollen sich als kostbare Individuen fühlen.“

Philip Elsen
Welche Ängste und Hoffnungen knüpfen die jungen Erwachsenen, die Ihr jedes Jahr aus dem Schulsystem entlasst, ans Arbeitsleben?

Ich beobachte drei Typen: Es gibt die, die einfach froh sind, dass die Schulzeit vorbei ist. Die erzählen mir auf den Feierlichkeiten zum Abitur, dass einiges okay gewesen sei, aber so richtig viel hätten sie nicht mitgenommen. Die blicken grundsätzlich optimistisch auf das, was kommt. Dann gibt es die, die ganz genau wissen, wo sie hin wollen und zielstrebig loslegen. Und es gibt die dritte Gruppe, die hat Angst. Angst, sich zu entscheiden, Angst, Fehler zu machen, Angst, nicht den richtigen Numerus Clausus mitzubringen. Diese Schüler*innen machen sich einen tierischen Druck. Der gesellschaftliche Wandel, der gerade stattfindet, nicht nur in der Arbeitswelt, vermittelt, dass unser Lebensstil nicht zukunftsfähig ist. Viele Schüler überkommt da ein Ohnmachtsgefühl. 

Was entgegnest Du denen?

Diese Schüler*innen fragen sich, welche Berufe es in Zukunft noch geben wird, wo sie sicher sind. Es ist ja tatsächlich gut möglich, dass sie einen Beruf wählen, den es bald nicht mehr gibt. Das sage ich ihnen auch. Und ich sage ihnen, dass sie dem aber nicht einfach ausgeliefert sind. Eine OECD-Studie vom World Economic Forum besagt, dass zwei Drittel der Kinder, die heute in den Kindergarten gehen, in Berufen arbeiten wird, die es so noch gar nicht gibt. Das heißt im Umkehrschluss: Jegliche alleinige Fokussierung auf einen Beruf und auch der alleinige Fokus von Schulen auf die sogenannte Employability ist unsicher. Was nicht unsicher ist, sind die Fähigkeiten und Haltungen, die sie erlernen: die sozialen Skills, die Empathie, das Zwischenmenschliche. Die werden sie immer weiterbringen und Basis dafür sein, damit umgehen zu können, wenn mal nicht alles glatt läuft.

Im Leitbild Eurer Schule steht: Jede*r Schüler*in soll diesen Ort als gestärkter Mensch verlassen, seine Potentiale erkennen und wissen, wie er diese entfaltet. Wie schaffst Du das – wie führst Du Deine Schüler*innen an dieses Ziel?

Die persönliche Beziehung ist für mich entscheidend, das Gefühl von Wertschätzung. Unsere Schüler*innen sollen sich als kostbare Individuen fühlen. Das geht im persönlichen Gespräch, über Feedback oder Aufmunterung, wenn etwas nicht gut klappt. Bei Kritikäußerungen darf es nie darum gehen, die Person niederzumachen. Ich versuche eine Vertrauensbasis zu schaffen, indem ich viel von mir erzähle, zeige, dass auch ich Schwächen habe, dass sie zu mir kommen können. Jede Lehrkraft muss da den eigenen authentischen Stil und Umgang finden.

Zu jedem eine Vertrauensbasis zu schaffen, klingt nach viel Arbeit. 

Ganz ehrlich: Es ist verdammt schwer. Ich würde mir wünschen, ich wäre da noch besser und hätte mehr Zeit. Dafür müssten wir eine noch bessere Feedback-Kultur an den Schulen ausbauen, die uns Lehrer*innen befähigt, die Schüler*innen individueller zu beraten, zu beeinflussen, mehr wertzuschätzen, aber gleichzeitig auch uns Lehrern zeigt, wann und wo wir inspiriert, geholfen, unterstützt haben. Vor allem aus Zeitmangel geraten wir oft erst ins Gespräch, wenn es Probleme gibt.

Und ganz konkret: Wie schaffst Du eine Vertrauensbasis im Unterricht? 

Im Politikunterricht will ich beispielsweise, dass meine Schüler*innen wissen: Sie können selbstverständlich jede Meinung vertreten, solange sie diese auch begründen können und sie mit den Grundwerten unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereinbar ist. Ich will eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen, in der niemand Angst haben muss, sich zu blamieren. Ich will, dass die Schüler “Outside the box” und des Mainstreams denken, sich trauen, Fragen zu stellen. Denken ohne Geländer, wie Hannah Arendt das nannte.

In einem TV-Beitrag über einen Zukunftskongress, den Ihr organisiert habt, heißt es “Bye Bye Generation ‘Chill Mal’ – jetzt kommen die ungeduldigen Macher”. Beschreibt das Deine Schüler*innen?

Das Interessante an den aktuellen Klima-Demonstrationen ist ja: junge Menschen tun sich als Kollektiv zusammen, entgegen dem Trend der stetigen Individualisierung. Sie sagen: Wir haben gemeinsam eine Verantwortung, ein Interesse und eine Stimme, und deshalb gehen wir gemeinsam auf die Straße. Das spiegelt wider, wie ein Großteil der Generation heute tickt. Die spürt, dass es gerade um deren Zukunft geht. Das ist keine Spinnerei, sondern wird von der Wissenschaft jeden Tag in den Nachrichten belegt.

Überhaupt, haben viele die große Bedeutung von Wissenschaften noch nicht ganz begriffen. Deshalb sind naturwissenschaftliche oder die sogenannten MINT-Fächer, wenn inspirierend unterrichtet, in der Schule und für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft so enorm wichtig. Auch vor dem Hintergrund des zunehmenden Rechtspopulismus, autoritären Nationalismus, dem Klimawandel, dem Wandel der Arbeit und der sich verändernden Machtverhältnisse – das alles findet ja statt. Wir haben einen sehr hohen Lebensstandard hier in Deutschland. Die Jugendlichen spüren: der steht zur Disposition. Also gehen sie auf die Straße, wo sie auch gehört werden und auf Gleichgesinnte treffen. Sie sind keine Einzelkämpfer*innen, sondern spüren: In dieser komplexen Welt lässt sich nur als Kollektiv etwas bewegen, durch Solidarität zwischen den Generationen und zwischen Ländern – vor allem des Nordens und des globalen Südens. Die entscheidende Frage wird sein, wie man hier Mehrheiten hinbekommt.