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„Unsere Arbeitswelt muss inklusiver werden“ – Politikberater Max Neufeind

„Unsere Arbeitswelt muss inklusiver werden“ – Politikberater Max Neufeind

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt. Wer profitiert davon, wer leidet darunter? Wird es mehr oder weniger Arbeit geben? Erwirtschaften einige wenige in Zukunft den Großteil des Wohlstands oder gelingt die Teilhabe aller Menschen? Kaum jemand beschäftigt sich mit diesen Fragen so intensiv wie Arbeitsmarkt-Experte und Politikberater Max Neufeind. Ein Interview.

Die großen Trends unserer Zeit machen auch vor der Arbeitswelt nicht halt: Digitalisierung und Globalisierung, der demografische Wandel, sowie eine Veränderung unserer Wertvorstellungen treiben den Wandel voran. Welche Auswirkungen hat das auf unsere Arbeitsgesellschaft? Wer profitiert von der Digitalisierung und wer nicht? Wird es mehr oder weniger Arbeit geben? Wird ein Großteil des Wohlstands bald durch einige wenige erwirtschaftet oder schaffen wir es, alle Menschen teilhaben zulassen? Über diese Fragen wird momentan viel spekuliert. Zeit mit jemandem zu sprechen, der sich auskennt.

Max Neufeind beschäftigt sich mit psychologischen, soziologischen und ökonomischen Fragestellungen rund um das Thema Arbeit. Bis 2014 war er am Zentrum für Organisations- und Arbeitswissenschaften der ETH Zürich tätig. Nun unter anderem für Das Progressive Zentrum in Berlin. Er ist Mitglied vom Think Tank 30, dem jungen Think Tank des Club of Rome, und engagiert sich in zahlreichen Initiativen und Dialogprozessen zur Zukunft von Arbeit und Sozialstaat. Dem Wirtschaftsmagazin Capital zufolge gehört er zu den „Top 40 unter 40“ im Bereich „Staat und Gesellschaft“.

„Wir können entscheiden, in was für einem Land wir leben möchten und was uns Chancengleichheit und Zusammenhalt wert sind.“

Max Neufeind
Arbeitsmarktexperte und Politikberater Max Neufeind
Zur Person

NameDr. Max Neufeind

Jahrgang1984

GeburtsortEssen

WohnortBerlin

StudiumPsychologie, Soziologie, Politische Ökonomie

Max, blicken wir auf die Arbeitswelt der Zukunft: Wer profitiert von der Digitalisierung und wer leidet darunter?

Dafür müssen wir uns zuerst fragen, wofür wir Menschen zukünftig im Arbeitsprozess gebraucht werden. Kognitive und physische Routinetätigkeiten werden zunehmend automatisiert, also von Maschinen oder Robotern übernommen. Nicht übernommen werden Aufgaben, die Kommunikation, soziales Einfühlvermögen, Vorstellungskraft, divergentes Denken und Problemlösungskompetenzen erfordern. Kurz gesagt, die Kreativen und Empathischen werden zukünftig verstärkt gebraucht. Menschen, die diese Befähigungen mitbringen, werden von der Digitalisierung profitieren. Im Gegenzug wird es immer schwieriger, mit manuellen oder kognitiven Routinetätigkeiten eine Mittelschichtsexistenz zu bestreiten.

„Wir sollten alle Menschen in die Lage versetzen, in der neuen digitalen Arbeitswelt ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können.“

Max Neufeind
Welche gesellschaftlichen Folgen kann das haben? Wird bald ein Großteil unseres Wohlstands durch einige Wenige erwirtschaftet, so dass unsere Mittelschicht ausstirbt?

Das hängt davon ab, wie wir uns jetzt verhalten. Es ist nicht so, dass aufgrund der Digitalisierung automatisch ein Großteil der Menschen arbeitslos und unsere Gesellschaft auseinanderbrechen würde. Eine Polarisierung in Bezug auf Einkommen, Arbeitsbedingungen und Status ist aber eine ernsthafte Gefahr. Um ein Wegbrechen der Mittelschicht zu verhindern, müssen wir das Wohlstandspotenzial der Digitalisierung heben und konsequent in die individuelle Resilienz der Menschen, aber auch unsere Infrastruktur investieren. Wenn wir eine Mittelschichtsgesellschaft bleiben wollen, müssen wir als Gesellschaft dynamischer, innovativer und inklusiver werden. 

Wie werden wir inklusiver? Brauchen wir mehr Umverteilung?

Natürlich brauchen wir auch Umverteilung. Oberste Priorität sollte aber die Primärverteilung haben, also die unmittelbar durch den Marktprozess entstehende Verteilung des Einkommens. Sie spielt für das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen eine zentrale Rolle. Bevor wir also über mögliche Umverteilungsmechanismen sprechen, sollten wir alles dafür tun, alle Menschen in die Lage zu versetzen, in der neuen digitalen Arbeitswelt ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Dr. Max Neufeind im Gespräch
Dr. Max Neufeind steht Rede und Antwort
Wie kann das gelingen?

Indem wir alle Menschen befähigen, in der Arbeitswelt der Zukunft einen Platz zu finden. Hierzu werden wir stark in Bildung investieren müssen. Der typische Beruf von morgen wird hohe Anforderungen an unsere Fähigkeit zur Kommunikation, Interaktion, Reflexion und Entscheidung stellen. Die kommende Generation muss über die gesamte Bildungskette hinweg Erfahrungen von Selbstwirksamkeit machen können. Sie muss lernen, mit Vielfalt und Unterschiedlichkeit umzugehen. Natürlich sollte Informations- und Kommunikationstechnologie fester Bestandteil jeden Stundenplans sein. Darüber hinaus sollten junge Menschen in der Schule und in der Universität lernen, so zu agieren, wie die Arbeitswelt in Zukunft aussehen wird, nämlich kooperativ statt kompetitiv und disziplinübergreifend statt fachspezifisch.

„Jeder sollte die Chance bekommen, herauszufinden, wo die eigenen Potenziale liegen und wie diese im Arbeitsleben eingesetzt werden können.“

Max Neufeind
Was können wir im Hier und Jetzt tun, also für die Menschen, die sich in der Mitte ihres Berufslebens befinden?

Im Hier und Jetzt benötigen wir flächendeckend Institutionen, die es Menschen ermöglichen, sich individuell weiterzubilden. Jeder sollte die Chance bekommen, herauszufinden, wo die eigenen Potenziale liegen und wie diese im Arbeitsleben eingesetzt werden können. Wir brauchen viel mehr Coaching und Beratung. Diese Form von persönlicher Begleitung sollte nicht dem Management vorbehalten sein, sondern allen Menschen zur Verfügung stehen. Hierfür benötigen wir eine Infrastruktur. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass wir im immateriellen Zeitalter weniger Infrastruktur benötigen. Das Gegenteil ist der Fall: Wir brauchen mehr Infrastruktur, zum Beispiel in Bezug auf die Ausgestaltung städtischer Räume und eine lebensbegleitende Qualifizierungsberatung.

Wer ist dafür verantwortlich, diese Infrastruktur zu schaffen, um alle Menschen an der Digitalisierung teilhaben zu lassen?

Wir, die Gesellschaft. Wir können entscheiden, in was für einem Land wir leben möchten und was uns Chancengleichheit und Zusammenhalt wert sind. Wir können entscheiden, wie viele Mittel der Staat heute und in Zukunft dafür aufwendet, in die Fähigkeiten aller Menschen zu investieren und ihnen Anschluss an das digitale Zeitalter zu ermöglichen. Das wird viel Geld kosten. Die Kosten einer auseinanderdriftenden Gesellschaft wären jedoch um ein Vielfaches höher.

Die Frage ist also nicht, ob wir in unserer digitalen Arbeitswelt genug Arbeit für alle haben, sondern, ob wir es schaffen, alle Menschen zu befähigen, teilzuhaben?

Richtig, die Arbeit wird uns nicht ausgehen. Denn entgegen der allgemeinen Vorstellung, ist der Arbeitsmarkt nicht statisch, sondern dynamisch. Wenn wir beispielsweise eine Infrastruktur schaffen, die Menschen in die Lage versetzt, am zukünftigen Arbeits- und damit auch am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, dann wird in diesem Bereich sehr viel Arbeit entstehen. Diese Infrastruktur besteht ja nicht nur aus Häusern und Straßen und Glasfaserkabeln, sondern vor allem aus Menschen die dort arbeiten, als Coaches, Lehrer, Berater oder Weiterbildner. Darüber hinaus werden Jobs in Branchen entstehen, von denen wir heute noch gar keine Vorstellung haben. Inwiefern wir hier in Bezug auf den Arbeitsmarkt das volle Potential der Digitalisierung ausschöpfen, hängt natürlich auch davon ab, ob Deutschland Innovationsstandort bleibt. In vielen Bereichen leisten wir großartige Grundlagenforschung, zum Beispiel im Bereich der künstlichen Intelligenz. Es gelingt uns aber nicht, Produkte marktfähig zu machen. In Deutschland klafft eine große Investitionslücke. Investitionen sind aber der Schlüssel für den langfristigen Erfolg unserer Volkswirtschaft.

„Die ungeheure Chance der Digitalisierung: Menschen von belastenden Routine-Tätigkeiten befreien, um Aufgaben zu übernehmen, die dem näher kommen, was uns als Menschen ausmacht.“

Max Neufeind
Könnte auch ein bedingungsloses Grundeinkommen die Antwort auf die Frage von Teilhabe im digitalen Zeitalter sein?

Hinter der Idee des Grundeinkommens stehen wichtige Fragen, eine Antwort auf die Frage von Teilhabe liefert das Grundeinkommen aber nicht. Ja, wir werden die Digitalisierungsgewinner besteuern müssen, um die Menschen aufzufangen, umzuschulen und weiterzubilden, die aus der kommenden Arbeitsgesellschaft herauszufallen drohen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde aber bedeuten, die Digitalisierungsgewinner aus eben dieser Pflicht zu entlassen: dafür zu sorgen, dass alle Menschen einen Platz in der kommenden Arbeitsgesellschaft finden. Und ja, wir sollten weniger über Sanktionen sprechen, sondern Menschen viel stärker dabei unterstützen, sich etwas zu trauen und ihre Potentiale auszuschöpfen. In diesem Kontext argumentieren die Vertreter des Grundeinkommens ganz richtig, dass wir Menschen, bildlich gesprochen, nur dann über ein Seil laufen, wenn wir wissen, dass unter uns ein Netz ist, das uns im Zweifel auffängt. Erst wenn wir Menschen diese Sicherheit geben, werden sie Risiken eingehen und ihre volle innovative Kraft ausschöpfen. Und genau hier liegt die ungeheure Chance der Digitalisierung: Menschen von physische und psychisch belastenden Routine-Tätigkeiten zu befreien, damit sie Aufgaben übernehmen können, die dem viel näher kommen, was uns als Menschen gegenüber der Technologie besonders macht. Nur glaube ich, dass andere Instrumente, als ein bedingungsloses Grundeinkommen, wirkungsvoller und gerechter sind, um dieses Ziel zu erreichen.

Fotos: Körber-Stiftung / Marc Darchinger (Bild 1); Annika Nagel (Bild 2 & 3); Anna Schunck (Bild 4 & 5)