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„Wir wollen infizierten Frauen nicht das Gefühl geben, alles sei anders“ – Einblicke in systemrelevante Berufe

„Wir wollen infizierten Frauen nicht das Gefühl geben, alles sei anders“ – Einblicke in systemrelevante Berufe

Alle reden derzeit von „systemrelevanten“ Berufen – gemeint sind Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen, Lehrer*innen und all diejenigen, die jetzt in der Krise den Laden am Laufen halten. Wir wollten wissen, wie die Arbeit in diesen Berufen derzeit aussieht und was Corona für jede*n einzelne*n bedeutet. Heute: Hebamme Helene Ooster

Helene Ooster, 24 Jahre

arbeitet als Hebamme in der Charité in Berlin

“Bei uns auf der Geburtsstation sind einige Hebammen aktuell länger krankgeschrieben, da sie in die Risikogruppe fallen. Das finde ich richtig und habe dafür großes Verständnis. Da ich nicht zu dieser Gruppe gehöre und auch selbst keine Kinder habe, biete ich immer an, die Geburt zu übernehmen, wenn eine Corona-infizierte Schwangere zu uns kommt. Jedoch haben wir auch eine Kollegin, die den Virus bereits hatte und nun hoffentlich immun ist – die übernimmt daher die meisten dieser Geburten.

„Für uns ist das Wichtigste, dass das Geburtserlebnis durch Corona nicht zu stark beeinflusst wird.“

Hebamme Helene Ooster

Ich habe keine Angst vor dem Virus, aber natürlich auch keine Lust krank zu werden, wie man eben auch keine Lust hat, die Influenza zu bekommen. Doch für uns ist das Wichtigste, dass das Geburtserlebnis durch Corona nicht zu stark beeinflusst wird. Wir wollen den infizierten Frauen nicht das Gefühl geben, alles sei anders. Deswegen galt bei uns an der Charité auch von Anfang an die Regel, dass jede Schwangere eine Begleitperson mitbringen darf. Einige Häuser haben das ja anders gehandhabt, da mussten die Frauen zeitweise ganz ohne Begleitung ihre Babys bekommen. Das ist hart, eine Geburt ist schließlich ein sehr wichtiges Erlebnis. Und dann werden natürlich auch die Hebammen viel mehr gebraucht, sie müssen den Part der Begleitung dann ja ein Stück weit übernehmen. Mittlerweile empfiehlt auch die DGGG, die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, eine Begleitperson pro Geburt zuzulassen. 

Seit Beginn der Krise hat sich bei uns im Krankenhaus auch sonst einiges verändert: Es gilt beispielsweise eine allgemeine Mundschutzpflicht, es ist nur noch der Haupteingang geöffnet, um die Besucherzahlen besser kontrollieren zu können, und wir haben alle eine Hygieneschulung durchlaufen. Die Schwangeren, die zu uns kommen, müssen zunächst einen Corona-Fragebogen ausfüllen, in dem klar wird, ob sie Symptome haben, Kontakt zu Corona-Infizierten hatten oder schon einen Abstrich haben machen lassen. 

Wurde eine Schwangere positiv getestet, gelten besondere Schutzmaßnahmen: Wir tragen Handschuhe, Kittel und je nach Tätigkeit unterschiedliche Mundschutze – bis hin zu einem Nasen-Mund-Schutz mit Ventil plus Schutzmaske gegen Ende der Geburt. Bislang hatten wir hier keine Frau mit wirklich schweren Symptomen, wir mussten auch noch keine Erstdiagnose stellen – das heißt, die Infizierten wussten bereits, dass sie den Virus haben und waren entsprechend gut informiert. 

„Unsere Berufe gewinnen an Anerkennung, das ist ein guter Effekt. Aber wie lang hält das an?“

Hebamme Helene Ooster

Aber natürlich fühlt es sich immer wieder komisch an, wenn wir in dieser Ausrüstung neben den Frauen stehen, denen es ja oft einigermaßen gut geht. Sie haben das Gefühl, sie sind eine Gefahr. Wir Hebammen verlassen dann während der Geburt seltener den Raum, um die Viren nicht zu verteilen, gleichzeitig stellt diese Situation für uns auch eine größere Ansteckungsgefahr dar. Nach der Geburt werden Mutter und Kind nicht getrennt – außer die Mutter ist intensivpflichtig oder das Kind ist ein Frühchen, hat einen Herzfehler oder ähnliches. 

Es gibt gerade viele schöne Reaktionen aus der Gesellschaft, das motiviert uns: Viele Carsharing Unternehmen bieten ihre Autos umsonst für Pflegekräfte an, wir werden von Restaurants gratis bekocht und erhalten Sonderzahlungen von der Charité. Unsere Berufe gewinnen an Anerkennung, das ist ein guter Effekt. Aber wie lang hält das an? Wir brauchen langfristig mehr Personal und auch eine höhere finanzielle Anerkennung. Doch ich bin auch gerade einfach nur froh, dass ich einen Beruf habe, der systemrelevant ist und ich helfen kann.”