„Das Grundgesetz muss halten, was es verspricht“

„Das Grundgesetz muss halten, was es verspricht“

Stell dir vor, du bist neu in Deutschland. Du bist jung, motiviert, hast Talent. Aber kaum jemand eröffnet dir die Möglichkeit, deinen eigenen beruflichen Weg zu gehen. Migrationsberaterin und TLNT & TLNT-Gründerin Agnieszka Aksamit macht sich stark für Strukturen, in denen Menschen mit familiärer Zuwanderungsgeschichte chancengleich behandelt werden. Hier schreibt sie der Arbeitswelt einen Brief.

Dear Work, liebes Arbeitsleben,

ich war noch ein junges Mädchen, da wusste ich bereits, was ich mit dir anstellen möchte. Dass ich dich nutzen will, um mich für Gerechtigkeit einzusetzen, für Chancengleichheit für Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt werden. Ich weiß das, seit ich als Tochter polnischer Eltern in Deutschland groß wurde. Seit ich damals eine Menge Freund*innen hatte, die ähnliche familiäre Migrationsgeschichten mitbrachten. Seit ich als 11-jähriges Mädchen von den Eltern einer Mitschülerin hörte, die Note 3 sei für mich, Agnieszka, doch toll. Während für die eigene Tochter die 1- nicht reichte.

Damals spürte ich, irgendwas ist hier unfair, irgendwas läuft falsch. Sehr früh wurde mir bewusst, welche Stereotypen über andere Kulturen und Religionen tief in den Köpfen unserer Gesellschaft verankert sind. Später begriff ich, dass Rassismus nicht nur in den Köpfen weißer Menschen existiert, sondern sich auch in Strukturen, Institutionen, schlichtweg im ganzen System zeigt.

Ich wünsche mir, dass du, liebes Arbeitsleben, für jede und jeden die gleichen Möglichkeiten bereit hältst. Das Grundgesetz muss halten, was es verspricht: Alle Menschen sind gleich. Egal, woher sie kommen oder welche Geschichte sie mitbringen. Und deshalb verdienen auch alle Menschen die Chance, in ihren Berufsleben etwas zu tun, was zu ihnen passt – und nicht nur die, die den richtigen sozialen Hintergrund vorweisen können.

Nach meinem Studium der Sozialen Arbeit hatte ich Glück mit dir. Als junge Absolventin habe ich direkt eine Stelle bei einem Wohlfahrtsverband gefunden. Als ich im Januar 2016 begann, war das kurz nach der sogenannten Flüchtlingswelle. Plötzlich hatte ich all die Jugendlichen und Erwachsenen vor mir sitzen, über die die Deutschen seit Monaten stritten. Sie berichteten von Kriegstraumata, Angst und Unsicherheiten, brachen in Tränen aus, waren verzweifelt und hatten viele Fragen im Gepäck.

Heute kommen viele der Menschen von damals noch immer in unsere Beratung. Mit neuen und alten Fragen, oft geplagt von der ständigen Unsicherheit des nicht geklärten Aufenthaltstitels. Vielen mangelt es an sozialen Kontakten. Sie möchten einfach reden. Die Sprache anwenden. So entsteht ein Vertrauensverhältnis. Schließlich werden Menschen, die neu in Deutschland sind, in unserem System oft weggeschickt. Sie hören ständig: Dafür sind wir nicht zuständig. In der Lebenswelt des Ankommens ist wenig Raum für Fragen wie: Wie geht es dir? Was beschäftigt dich? Was möchtest du mit deinem Leben anfangen?

Liebes Arbeitsleben, ich will dich dafür nutzen, zu ermutigen, Wege aufzuzeigen. Ich will, dass die Menschen, die täglich vor mir sitzen, ihre Potentiale entfalten, ihre Talente und ihr Wissen einbringen dürfen. Dass sie dafür ordentlich entlohnt werden und nicht in prekären Lebenssituationen landen, wo sie keine Ruhe finden, weil sie um ihren Aufenthaltstitel bangen.

„Oft stelle ich mir vor, die Unternehmen in Deutschland hätten eine Ahnung davon, wen sie verpassen!“

Agnieszka Aksamit

Oft stelle ich mir vor, die Unternehmen in Deutschland hätten eine Ahnung davon, wen sie verpassen! All die Unternehmen, die auf der verzweifelten Suche nach motivierten Talenten sind. Ich treffe ständig junge, ambitionierte Menschen. Und jede und jeder hat ein Talent, davon bin ich überzeugt. Doch diejenigen, die zu uns kommen, dürfen ihre Talente in der Regel nicht nutzen. Weil alles, was das System vorsieht, ist, sie möglichst schnell in Arbeit zu bringen. Dann wird eine Medizinstudentin in eine Bäckerei gedrängt oder ein Friseur als Krankenpfleger ausgebildet.

Vielen Menschen wird eingeredet, die deutsche Sprache sei zu schwierig für ihre Träume. Natürlich glaubt man das irgendwann selbst. Von den Ämtern erhalten viele Stellenanzeigen von Jobs, die andere nicht machen wollen. Doch für sie sind diese Jobs gut genug und was von den Ämtern kommt, wird oftmals nicht infrage gestellt. Doch, liebes Arbeitsleben, weißt du eigentlich, was mit Menschen passiert, wenn sie in Berufen landen, die ihnen nicht gut tun? Viele gehen verloren. Mitsamt ihren Interessen und Potentialen. Weil viele von ihnen irgendwann aufgeben. Oder psychisch krank werden.

Durch meine Arbeit bei einem Wohlfahrtsverband lerne ich zwar viel über die Missstände, denen Neu Zugewanderte ausgesetzt sind, aber ich kann an den Strukturen dahinter wenig ändern. Ich behandle die Wunden, aber ich kann nicht dazu beisteuern, dass sie gar nicht erst entstehen. Deshalb habe ich mich für einen zusätzlichen Weg entschieden. TLNT & TLNT heisst mein Mentoringprogramm und TLNT.TALK.BERLIN mein Talk-Format. Hier kommen Menschen mit meist familiärer Migrationshistorie zu Wort, die trotz vieler Widrigkeiten ihren eigenen, oft sehr unkonventionellen Weg gehen. Ich möchte damit inspirieren und Mut machen.

Im Mentoringprogramm bringen wir Neu Zugewanderte mit Leuten aus Branchen zusammen, welche für die jeweiligen Mentees spannend sind. Über einen Zeitraum von drei Monaten erhalten sie Einblicke, können Erfahrungen machen, alle erdenklichen Fragen stellen und ein Gefühl für die jeweilige Branche entwickeln. Und so ein erstes berufliches Netzwerk aufbauen.

Denn weißt du, liebes Arbeitsleben, klar wünsche ich mir, dass sich möglichst viele mit den Lebenswelten und Problemen Neu Zugewanderter beschäftigen, auch wenn diese den eigenen Alltag nicht betreffen. Aber so ist die Realität nun mal nicht. Oftmals setzen wir uns erst mit Themen auseinander, wenn wir einen emotionalen Zugang dazu haben. Durch das Mentoringprogramm schaffe ich den ersten großen Schritt für Begegnungen und Möglichkeiten innerhalb der Arbeitswelt. Jetzt braucht es viele Unterstützer*innen. Hilfst du mir?

Deine Aga

PS: Hier kannst du einen Blick auf TLNT & TLNT werfen.

Mit dem Format „Work Letters – Briefe an das Arbeitsleben“ wollen wir darüber sprechen, was sein könnte: Wie soll die Arbeitswelt der Zukunft aussehen und was müssen wir dafür tun? Unsere Protagonist*innen geben in ihren Briefen ganz persönliche Einblicke in ihre Visionen einer neuen Arbeitswelt, sie zeigen, wo Veränderung möglich ist und welche Hindernisse es dafür zu nehmen gilt. Für eine neue, bessere Arbeitskultur – für alle.