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Architektur als Spiegel neuer Arbeitsmethoden: zu Besuch im SAP Innovation Center

Architektur als Spiegel neuer Arbeitsmethoden: zu Besuch im SAP Innovation Center

"Wenn man räumlich alles darf und nichts vorgegeben ist, dann traut man sich auch inhaltlich weiter zu denken." – In Potsdam wird beim Software-Giganten SAP in ungewöhnlicher Architektur mit neuen Formen der Zusammenarbeit experimentiert. Wie können Bürokonzepte Kollaboration, Innovation und Kreativität fördern? Ein Treffen mit Raja Gumienny, Martin Heinig (beide SAP) und der Architektin Desiree Behrens.

Der Weg zum SAP Innovation Center führt mich entlang zahlreicher Schloss- und Parkanlagen, wunderschöner Kanäle, Brücken und Seen. Ein Ausflug nach Potsdam, in die ehemalige Residenzstadt der Könige von Preußen, ist immer ein wenig, wie eine Fahrt ins Märchenland. Und auch das Innovation Center ist ein besonderer Ort. Hier wird anders gearbeitet, als an den anderen Standorten des größten Software-Unterneh­mens Deutschlands. Rund 200 junge SAP-Talente aus über 20 Ländern und 18 verschiedenen Fachrichtungen forschen hier interdisziplinär an neuen Lösungen und Geschäftsmodellen. Und das mit gewissen Freiheiten vom SAP-Tagesgeschäft. Die Entwicklung von frischen Ideen und Produkten der Zukunft steht im Mittelpunkt des Innovation Center. Und dies nicht nur kulturell. Sondern auch räumlich.

Die Denkfabrik von SAP – das Innovation Center – liegt an einem der schönen umliegenden Seen, dem Jungfernsee. Das Gelände erstreckt sich am Westufer entlang. Als ich mit dem Auto auf den Parkplatz fahre, sehe ich einige Mitarbeiter, die von einer Joggingrunde am See zurückkommen. Ich folge ihnen in die Eingangshalle des vierstöckigen Glaskubus.

„Wenn man räumlich alles darf und nichts vorgegeben ist, dann traut man sich auch inhaltlich weiter zu denken.“

Raja Gumienny, SAP

Aufgabe des bekannten Architekturbüros SCOPE Architekten aus Stuttgart war es – auf Grundlage der Werte Kommunikation, Kreativität, Flexibilität, Transparenz und Innovation eine Arbeitsumgebung zu schaffen, die optimale Bedingungen für teambasiertes und spielerisches Den­ken bietet und zu innovativen Arbeitsmethoden wie Design Thinking anregt.

Die Methodik, die auf der Annahme basiert, dass Ideen besser entwickelt werden können, wenn Menschen unterschiedlicher Disziplinen in einem kreativitätsfördernden Umfeld zusammenarbeiten, spielt bei SAP eine entscheidende Rolle.

Die Forschungen und Umsetzungen rund um Design Thinking werden seit Jahren durch Prof. Hasso Plattner gefördert. Also keinem Geringeren als dem Gründer und Aufsichtsratsvorsitzendem von SAP. Seit Mitte der 2000er wird Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam als Teil der Universität Potsdam gelehrt. Der Design Thinking Studiengang ist mittlerweile extrem populär und es wird immer schwieriger, einen der begehrten Plätze zu bekommen.

Ich möchte heute wissen, wie sich die neuen Arbeitsmethoden in der Architektur widerspiegeln und inwiefern die Räume des SAP Innovation Center den Mitarbeitern kreatives und innovatives Arbeiten ermöglichen.

Nach einer beeindruckenden Tour durchs Gebäude mit Desiree Behrens von SCOPE Architekten sowie Raja Gumienny (User Experience Design Manager) und Martin Heinig (COO SAP Innovation Center Network) von SAP, machen wir es uns in einem der vielen Meeting-Räume gemütlich.

Interviewpartner

Raja Gumienny (links)User Experience Design Manager

Martin Heinig (rechts)COO SAP Innovation Center Network

Desiree Behrens (nicht im Bild)SCOPE Architekten GmbH

Liebe Desiree, wie lässt man Unternehmenswerte in die Architektur einfließen? Wie habt ihr es beispielsweise geschafft, den Wert Kommunikation erlebbar zu machen?

Desiree: Die Gestaltung des Gebäudes ist mit den vielen Verbindungen zwischen den Arbeitsbereichen auf Austausch und Begegnung ausgerichtet. Betritt man beispielsweise den Haupteingang, öffnet sich ein großer Luftraum. Die Treppen innerhalb des Luftraums sind offen und enden auf unterschiedlich tiefen Galerien, so dass man auf dem Weg durchs Gebäude immer wieder unterschiedliche Kollegen sieht und sich mit diesen in den Zwischenbereichen der Geschosse austauschen kann. Hierzu haben wir Kommunika­tions- und Aufenthaltszonen eingerichtet. Natürlich sind aber auch die Arbeitsbereiche auf den Etagen so konzipiert, dass die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern gefördert wird. Und im Erdgeschoss gliedern sich um die Kaffeebar eine Vielzahl an Work­shop- und Besprechungsräumen sowie Design-Thinking-Flächen.

Martin: Ich glaube, die Begegnungsstätten rund um die Kaffeemaschinen erfüllen ihren Zweck am meisten (lacht). Nein, im Ernst, hier findet ein extrem interdisziplinärer und effektiver Austausch statt.

„Hierarchien spielen keine Rolle, es gibt überall White-Board-Flächen, wir haben beschreibbare bodentiefe Fenster un können die Arbeitsbereiche immer wieder umbauen.“

Martin Heinig, SAP
Raja und Martin, wie arbeitet Ihr hier im Innovation Center? Was unterscheidet die Arbeitsweise von anderen SAP Standorten?

Raja: Im Unterschied zu anderen Standorten, zieht sich das Thema Design Thinking komplett durch: Teams sitzen bunt gemischt zusammen, man ist mit jedem gleichermaßen in Kontakt, Hierarchien spielen so gut wie keine Rolle, es gibt überall White-Board-Flächen, wir haben beschreibbare bodentiefe Fenster und wir können die Arbeitsbereiche immer wieder umbauen. Darüber hinaus arbeiten wir auch im Großen sehr flexibel, Vertrauensarbeitszeit ist bei uns beispielsweise etwas ganz Normales.

Martin: Während wir an den anderen Standorten normale Tische haben bzw. jeder seinen festen Schreibtisch hat, sind wir hier – sowohl räumlich als auch inhaltlich – deutlich flexibler. Wenn ich beispielsweise mit einem Projektteam drei Monate an einem Thema arbeite, richten wir uns einfach eine „Projekt Garage“ ein. Hier können wir alles so gestalten, wie wir es möchten. Das heißt, wir können Tische, Stühle, Tafeln so anordnen, wie unsere Aufgabe es erfordert. Auch in allen anderen Räumen können wir unsere Arbeitsumgebung je nach Situation anpassen. Darüber hinaus stehen uns eine Vielzahl unterschiedlicher Flächen zur Verfügung: Meeting-Räume für jeden Zweck, Workshop-Räume in allen Größen, Telefonzellen für den Rückzug, Kaffeeecken für den Austausch zwischendurch. Niemand von uns ist an ein und denselben Schreibtisch gebunden.

Inwiefern ermöglichen euch die Räume kreatives und innovatives Arbeiten?

Raja: Unsere Umgebung stärkt unsere Methoden. Zeichnen im Team oder andere kreative Ideenfindungs-Sessions haben hier Raum. Ich glaube, wenn man räumlich alles darf und nichts vorgegeben ist, dann traut man sich auch inhaltlich weiter zu denken. Hier wird „anders machen“ geschätzt. Die Räume beeinflussen unsere Art zu arbeiten. „Out-of-the-box-thinking“ ist hier die Norm, nicht umgekehrt.

Martin: Für mich ist das auch ein wenig, wie die Freiheit, die man in Kindertagen hatte. An Wände malen, flexible Wände rausnehmen und umbauen, an Fensterscheiben schreiben. Das sind alles Kleinigkeiten. Aber mit Deinem inneren Gefühl machen sie total viel.

„Wir ziehen genau die Leute an, die so arbeiten möchten: wie im Start-Up, jedoch mit dem Background eines Konzerns.“

Martin Heinig, SAP
Gibt es auch skeptische Stimmen? Mitarbeiter*Innen, die mit der räumlichen und inhaltlichen Freiheit nicht so gut zu recht kommen?

Martin: Die meisten wollen wegen dieser Freiheit hierher. Wir ziehen, denke ich, genau die Leute an, die so arbeiten möchten. Es ist ja auch sehr besonders: wir Arbeiten wie im Start-Up, jedoch mit dem Background eines Konzerns.

Im Vergleich zu Kennzahlen wie Umsatz oder Marktführerschaft, ist die Entwicklung von Ideen schwierig zu messen. Woran wird in so einem freien Umfeld der Erfolg der Mitarbeiter gemessen?

Raja: Wir werden daran gemessen, ob unsere Ideen Kundenprobleme lösen und so eine Relevanz haben. Es geht darum, die entwickelten Ideen mit Kunden zu evaluieren und dann an den Markt zu bringen. Dazu schauen wir permanent auf neue Technologien und wie sie unseren Kunden helfen können.

Zum Schluss noch einmal ganz kurz: Was ist für euch das Beste daran, bei SAP im Innovation Center zu arbeiten?

Martin: Das Vertrauen und der Gestaltungsspielraum. Man bekommt eine Aufgabe, darf sie eigenständig lösen und erhält für den selbstbestimmten Weg das nötige Backup.

Raja: Die Zusammenarbeit und Vielfältigkeit innerhalb der Teams. Wir sind so viele verschiedene Typen mit unterschiedlichen kulturellen sowie fachlichen Hintergründen. Wir teilen Informationen, wir tauschen uns aus, wir arbeiten interdisziplinär. Wir wissen, dass wir einander – und unsere unterschiedlichen Kompetenzen – brauchen. Das ist toll.