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Über den Beruf als Berufung – Künstlerin Levke Leiss

Über den Beruf als Berufung – Künstlerin Levke Leiss

Aufgewachsen in einem echten Künstlerhaushalt, beginnt Levke Leiss bereits in frühester Kindheit zu zeichnen. Aus ihrer Leidenschaft wird ein Beruf. Heute sagt sie: "Meine Person und meine Arbeit sind nicht voneinander zu trennen.“ Über die Vor- und die Nachteile, wenn der Beruf Berufung ist.

Als ich einer Freundin eins von Levke Leiss‘ Bildern zeige, glaubt sie mir nicht, dass es sich um eine Buntstiftzeichnung und nicht um eine Fotografie handelt. Levkes Arbeiten, die Präzision und Detailschärfe ihrer gegenständlichen Zeichnungen sind faszinierend. Nicht nur deshalb freue ich mich, einen Einblick in den extrem gut organisierten Arbeitsalltag der freischaffenden Künstlerin bekommen zu dürfen für die ihr Beruf Berufung ist.

Es ist unser erstes Treffen, obwohl wir bereits unzählige Chancen gehabt hätten. Unsere Eltern haben zusammen studiert und sind noch heute eng befreundet. Und Levke und ich sind im gleichen Jahr in der gleichen Stadt geboren. Aber erst heute, 33 Jahre später, schaffen wir es endlich uns kennenzulernen. Im Atelier ihrer Wohnung in Berlin-Mitte.

„Malen und Zeichnen sind Teil meines Selbstbildes.“

Levke Leiss

Nach unserem Treffen bin ich nicht mehr nur hin und weg von Levkes Arbeiten, sondern auch davon, wie sie sich strukturiert. „Ich kann da gar nichts für, ich komme aus einem Künstlerhaus und habe einfach viele Dinge intuitiv von meinen Eltern übernommen“, sagt sie lachend. Levke ist in einer großen Patchwork-Familie mit zwei Haushalten – einem in Flensburg mit sieben Kindern und einem in Hamburg mit vier Kindern – aufgewachsen. Sowohl Levkes Vater als auch ihre Mutter sind Künstler. „Ich habe früh mitbekommen, wie so ein freischaffendes Leben aussieht, wie es organisiert wird“, ergänzt sie.

Und noch etwas zieht sich durch unser Gespräch: Die Untrennbarkeit von Levkes Arbeit und ihrer Person. „Bei uns war es immer selbstverständlich, dass Beruf und Passion eins sind“, sagt sie. Das führt dazu, dass anders als in vielen anderen Jobs, eine Beurteilung der Arbeit immer auch die eigene Person betrifft. Kritik kann in der Folge sehr viel verletzender sein.

Aber gerade vor diesem Hintergrund, der eigenen Empfindsamkeit und Verwundbarkeit, beeindruckt mich die Professionalität, mit der Levke ihren Beruf und ihre Berufung lebt.

Zur Person

NameLevke Anna Leiss

Jahrgang1982

GeburtsortFlensburg

WohnortBerlin

BerufFreischaffende Künstlerin

Levke, seit wann arbeitest du auch als freischaffende Künstlerin und wie ist es dazu gekommen?

Seit meinem Diplom 2007. Wobei ich eigentlich schon während des Studiums begonnen habe. Meine ersten Bilder habe ich aber bereits in der Schule verkauft. Seit ich denken kann, ist Malen und Zeichnen meine Passion. Es ist Teil meines Selbstbildes. Dass ich Kunst studieren wollte, war nur natürlich. Als ich dann nach dem Abi an der renommierten Akademie in Dresden – der Hochschule für bildende Künste – angenommen wurde, war ich sehr glücklich.

Kannst du deine Arbeit und deinen Stil näher beschreiben?

Ich zeichne vor allem gegenständlich mit Buntstift auf Papier. Mit einer Technik, die ich selbst entwickelt habe und die der altmeisterlichen Lasurmalerei nachempfunden ist. Diese Technik ist sehr detailliert und zeitaufwendig. Ich arbeite nicht seriell, sondern beginne jedes Bild mit einer neuen Idee.

Darüber hinaus arbeite ich seit 10 Jahren mit Karla Helene Hecker zusammen. Wir haben uns während des Studiums in Dresden kennengelernt und angefangen zusammen zu arbeiten. Gemeinsam haben wir eine dritte Identität erschaffen: Lecker und Heiss (an dieser Stelle weist Levke mich noch einmal mit einem Augenzwinkern auf die beiden Nachnamen Leiß und Hecker hin). Hierbei waren die altmeisterlichen Werkstätten unser Vorbild, mit dem Unterschied, dass es bei uns keine Hierarchien gibt. Wir arbeiten großformatig, mit einer Mischtechnik: Das heißt, wir nutzen selbstgemischte Farben, Öl, Edding (Lack), Acryl. Häufig beziehen wir uns inhaltlich auf kunstgeschichtliche Referenzen. Karla und ich treffen uns heute ca. ein- bis zweimal im Jahr in Dresden und schließen uns ein. Dann arbeiten wir zwei Wochen fast Tag und Nacht durch. Am Ende entstehen ca. zwei Bilder im Jahr. Von meinen eigenen Bildern entstehen ca. 18 im Jahr.

Eine Arbeit von Levke
Arbeit 1

„Es gibt immer einen Finanzplan. Es tut mir gut, ein Instrument zu haben, mit dem ich einen Überblick behalte.“

Levke Leiss
Hast du einen Businessplan oder ähnliches?

Ja, es gibt immer einen Finanzplan. Neben den tatsächlichen Forderungen und Verbindlichkeiten, enthält er die erwarteten und die erhofften Einkünfte der nächsten Monate. So habe ich drei Streckenabschnitte was die Forderungen angeht. Es tut mir gut, ein Instrument zu haben, mit dem ich einen Überblick behalte. Außerdem dient er als Frühwarnsystem: Wann muss ich wieder etwas tun, welche Kunden muss ich wieder auf mich aufmerksam machen, was kann ich tun, welche Ausstellungen kann ich planen, etc. Diese Übersicht gucke ich mir jeden Montagmorgen an und plane von da aus die To Dos, die über meine originäre Aufgabe, das Zeichnen, hinausgehen.

​Kannst du von deiner Arbeit, deiner Kunst, leben?

Glücklicherweise ja! Ich konnte mich schon während des Meisterschülerstudiums größtenteils selbst finanzieren. Nach meinem Abschluss hatte ich zwar Anfangs noch einen Nebenjob, den ich dann aber irgendwann kündigen konnte. Seitdem geht die Kurve bergauf. Aufs Jahr gesehen kann ich mittlerweile gut davon leben. Aber natürlich gibt es bessere und schlechtere Monate. Ein Puffer ist wichtig.

Wie viel Zeit bringst du auf? Wie viele Stunden arbeitest du momentan pro Woche?

Zeichnen, Organisation, Netzwerken, Veranstaltungen und Ausstellungen ausrichten, Kontaktpflege … Ich denke, ich komme momentan auf ca. neun Stunden am Tag.

„Ich bin ein Fan von fünf Tage arbeiten, zwei Tage Wochenende. Diese Trennung von Arbeit und Freizeit ist wichtig für mich, auch um mich zu regenerieren.“

Levke Leiss
Wie wichtig sind dir geregelte Arbeitszeiten

Schon eher wichtig. Ich brauche eine gewisse Regelmäßigkeit. Ich bin ein Fan von fünf Tage arbeiten, zwei Tage Wochenende. Diese Trennung von Arbeit und Freizeit ist wichtig für mich, auch um mich zu regenerieren.

Was ist deine größte Herausforderung in deiner Arbeit als Künstlerin und wie gehst du damit um?

Meinen eigenen Ansprüchen künstlerisch gerecht zu werden. Und dabei beherzt Entscheidungen zu treffen. Das bedeutet für mich, an einem Bild weiterzuarbeiten, nicht zu verzagen, Entscheidungen nicht zu bereuen, aber manchmal natürlich auch alles umzuwerfen. Und es bedeutet auch, in Verhandlungen mutig zu sein.

Levke Anna Leiss auf ihrer Terrasse
Was magst du an deiner Arbeit?  

Ich mag den Selbstzweck meiner Arbeit, also das Zeichnen, und dass ich am Ende etwas erschaffen habe. Außerdem mag ich das Spiel für den Sehsinn und das Gehirn. Beim Aufbau meiner Bilder spielen Gesetze eine große Rolle: Komposition, Gleichgewicht, Spannung, goldener Schnitt, Verhältnis von Hell- und Dunkel, Kontrast, Formfolge. Diese Aufgaben laufen alle parallel mit dem Ziel ein geschlossenes Konstrukt zu ergeben. Auf der kompositorischen Ebene ist es eine mathematische Aufgabe, insbesondere das Verhältnis von Strukturen und Oberflächen. Ich überprüfe mich während meiner Arbeit ständig: Wann stimmt das Verhältnis, wann stimmt es nicht. Darüber hinaus mag ich den zwischenmenschlichen Wert meiner Arbeit, dass sie etwas in anderen auslösen kann. Kunst ist Selbstausdruck und Kommunikation in einem. Sie hat einen direkten Zugang zu Emotionen und ist komplexer als Worte. So ähnlich wie Musik, die einen zu Tränen rühren kann. Nur, dass Bilder im Umriss noch viel klarer in ihrer Bedeutung sind.

„Wenn etwas nicht funktioniert, habe ich keine Distanz. Ich bin ungeschützt, weil meine Arbeit und meine Person nicht von einander zu trennen sind.“

Levke Leiss
Wenn wie bei dir der Beruf Berufung ist: Was ist der größte Vorteil ​​an deinem Job?​

Dass ich liebe, was ich mache.

Wenn der Beruf Berufung ist: Was ist der größte Nachteil?​

Wenn etwas nicht funktioniert, habe ich keine Distanz. Ich bin ungeschützt, weil meine Arbeit und meine Person nicht von einander zu trennen sind. Deshalb kann Kritik mich auch persönlich viel mehr erschüttern. Aber natürlich auch die Unsicherheit der Selbstständigkeit. Manche Dinge kann ich nicht absehen. Außerdem kostet der Urlaub als Freischaffender doppelt (lacht). Wobei ich meine Entscheidung noch nie bereut habe. Der Vorteil wiegt alles auf.

„Ich möchte gute Bilder malen, dabei jeden Tag ein bisschen besser werden und gut davon leben können.“

Levke Leiss
Wie sieht ein normaler Tag bei dir aus?

Um 8.30 klingelt mein Wecker. Dann frühstücke ich gemütlich, checke E-mails und fange langsam an zu arbeiten. Wobei ich am Vormittag in der Regel administrative Dinge regele oder einfach auch nur Joggen gehe (lacht). Mittags gehe ich raus: Essen, Einkaufen, usw. Anschließend beginnt die produktive Arbeit. Am Nachmittag komme ich richtig rein. Dann arbeite ich bis 7/8 Uhr, je nachdem, was ich vorhabe. Es gibt aber auch Tage, an denen ich erst am späten Nachmittag anfange und dann bis in die tiefe Nacht arbeite. Nachts bin ich am effektivsten. Tagsüber wird mein Gedankengang viel Stärker unterbrochen – Emails, Anrufe, Treffen mit Galeristen oder Kunden – da kann ich gar nicht auf dieses hohe Konzentrationslevel kommen.

Wie organisierst du dich, wie kommst du an deine Kunden?

Mittlerweile habe ich einen relativ großen Topf an Kunden. Ich habe in der Schulzeit angefangen, diesen aufzubauen und im Studium noch aktiver weitergemacht. Seit dem 5. Studiensemester hatte ich zusammen mit meiner Kommilitonin Karla Helene Hecker eine Produzentengalerie in Dresden. Nach dem Studium habe ich dann durch die Galerie, mit der ich in Berlin und Hamburg zusammenarbeite, neue Kunden gewinnen können. Darüber hinaus nehme ich z.B. an kuratierten Gruppenausstellungen teil oder werde eingeladen in anderen Institutionen auszustellen. Dadurch erweitert sich der Kundenkreis stetig.

Was treibt dich?

Die Freude am Arbeiten und mein Perfektionismus.

Wovor hast du Angst?

Eigentlich vor nicht so viel. Im Moment läuft es gut, deshalb merke ich die schlummernden Ängste nicht (lacht). Aber wenn einmal etwas nicht klappt, dann ist die Angst da, dass es so weiter gehen könnte. Z.B., wenn ein Kunde unzufrieden ist oder ein anderer sich im letzten Moment gegen den Kauf eines Bildes entscheidet oder wenn mir meine Bilder nicht mehr gefallen. Das ist so eine diffuse Angst vor einem Abwärtsstrudel. Glücklicherweise habe ich momentan aber keinen Anlass mit dieser Dynamik zu rechnen. Ich bin mir aber auch bewusst, dass sich so etwas jederzeit ändern könnte.

„Immer wieder den inneren Schweinehund überwinden, nicht faul im Denken werden und mutig sein, und eben nicht verzagen.“

Levke Leiss
Wovon träumst du langfristig und was tust du dafür?

Ich möchte gute Bilder malen, dabei jeden Tag ein bisschen besser werden und gut davon leben können. Am liebsten noch ein bisschen besser als aktuell. Mit noch mehr Sicherheit. Irgendwann träume ich davon, Kinder und Kunst unter einen Hut zu bringen. Was ich dafür tue? Immer wieder den inneren Schweinehund überwinden, nicht faul im Denken werden und mutig sein, und eben nicht verzagen.