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Chef*in allein zuhaus: Wie sich in Zeiten der Coronakrise das Führen verändert

Chef*in allein zuhaus: Wie sich in Zeiten der Coronakrise das Führen verändert

Für viele Unternehmen bedeuten die Kontaktbeschränkungen aufgrund des Coronavirus einen radikalen Bruch in der täglichen Zusammenarbeit: Viele Mitarbeiter*innen arbeiten nun von zuhause aus – und viele Führungskräfte stehen vor ungewohnten Herausforderungen: Wie Orientierung geben? Wie den Teamgeist hochhalten? Wir haben in verschiedenen Branchen nachgefragt.

Carolin Lessoued & Kerstin Bock (rechts)
Über das Unternehmen

Die Kommunikations-Agentur Openers beschäftigt derzeit 19 Mitarbeiter*innen und betreut zahlreiche Kunden aus der internationalen Startup- und Tech-Szene wie Eventbrite, Pipedrive oder StockX. Openers ist die Schwesterfirma des Tech Open Air (TOA) in Berlin, das heute zu den größten Startup-Konferenzen Europas gehört.

Kerstin Bock und Carolin Lessoued, Geschäftsführerinnen Openers:

Wie organisiert Ihr die Zusammenarbeit während der Coronakrise?

“Uns kommt zugute, dass jedes Teammitglied auch vor Corona mit viel Eigenverantwortung gearbeitet hat. Den wöchentlichen Rhythmus prägen eine montägliche Team-Konferenz, ein Sprint am Mittwoch sowie ein kurzes Check-in am Freitag: das Ganze jetzt eben per Video-Konferenz. Statt auf Zwischenruf passiert Team-intern nun natürlich deutlich mehr über Slack. Nur: Events, persönliche Pressegespräche und Kundentermine, der ein oder andere Business Lunch – das entfällt aktuell natürlich. So gut es geht, versuchen wir all diese Gelegenheiten in der digitalen Welt abzubilden. 

Außerdem wichtig: den Spaß nie zu verlieren und weiter das Gemeinschaftsgefühl zu stärken! Neben unseren Meetings haben wir beispielsweise gemeinsame virtuelle Yogastunden ins Leben gerufen, Coffee Hours am Nachmittag, bei denen sich jeder mal einloggen kann oder aber die Happy Hour am Freitag nach getaner Arbeit. So bleiben wir immer noch Wir, als Team.”

Andreas Mühle
Christian & Andreas Müller (rechts)
Foto: Stefan Hähnel
Über das Unternehmen

In der DDR verstaatlicht, im Nachwende-Deutschland wegen mangelnder Nachfrage fast geschlossen: Die Rasierprodukt-Manufaktur Mühle ging durch viele Krisen. Seit der Bart Hochkonjunktur hat, brummt das Geschäft. Dieses Jahr feiert das Familienunternehmen aus dem Erzgebirge sein 75-jähriges Bestehen. Geleitet wird es in der dritten Generation von Christian und Andreas Müller.

Andreas Müller, CEO Mühle:

Was ist aktuell Deine größte Herausforderung?

“Einige Tage nach Verkündung der Maßnahmen habe ich mich wie in einer Schockstarre gefühlt, dann kam das Bewusstsein, dass man auch in Anbetracht solcher Umstände agieren und nach vorn denken muss. Wir sprechen dieser Tage alle sehr viel miteinander und auch der Teamgeist kommt noch deutlicher zum Tragen. Ich stelle eine sehr große Flexibilität der Mitarbeiter*innen fest und sie unterstützen sich gegenseitig noch stärker als sonst. 

Persönlich besteht meine größte Herausforderung darin, nicht reisen zu können. Reisen sind für mich eine Auszeit vom Alltag und inspirieren mich ungemein. Das fehlt mir. Zudem vermisse ich den direkten Austausch mit Kunden, Partnern und Mitarbeiter*innen. Auf der anderen Seite lernt man, dass einige Wege doch verzichtbar sind. Sie sparen CO2 und Kosten ein – das ist das Positive daran.”

Über das Unternehmen

Die Q Berlin Konferenz findet seit 2017 jährlich statt, und bringt dabei unkonventionelle Denker, Visionäre und Kreative in Berlin zusammen. Organisiert wird die Konferenz von Berlins offizieller Marketing-Organisation visitBerlin.

Katharina Klün, Direktorin Q Berlin:

Wie hältst Du als Führungskraft den Teamgeist hoch?

“Das ist aktuell zum Glück ein ziemliches Teamwork. Jede*r weiß um die eigene Rolle und Verantwortung. Wir tauschen uns viel aus und haben regelmäßige Videomeetings. Ich denke, in dieser Ausnahmesituation ist es wichtig, sich einzugestehen, dass alles ein großes Unbekanntes ist. Abläufe, wie wir sie kennen, funktionieren nicht mehr, die Abstimmungen laufen nicht mehr nebenbei und bei uns gibt es auch noch eine große Unsicherheit, ob unsere Veranstaltung überhaupt wie geplant stattfinden kann. Da muss ich allen und auch mir selbst hin und wieder ein kleines Motivationstief zugestehen.

Ich gebe Strukturen vor, aber am Ende müssen diese bei uns im Team für alle passen. Ich versuche noch transparenter zu sein und die einzelnen Timings aus verschiedenen Bereichen zu teilen – nur so kann jede*r die eigene Rolle finden. Doch das gilt für alle Projekte, nur in diesen Zeiten bedarf es einer viel intensiveren Kommunikation. Und jeder muss sehr viel verantwortungsvoller das Ganze im Blick haben.”

Christine Maree von Dalia
Foto: Patrick Desbrosses
Über das Unternehmen

Dalia Research ist einer der weltweit führenden Dienstleister für Marktforschung, die mithilfe von Technologie Einblicke in Verbraucher, Markt und Meinungen ermöglicht. 2013 in Berlin gegründet, beschäftigt Dalia heute 65 Mitarbeiter*innen aus mehr als 30 Ländern.

Christine Maree, Lead Team Development Dalia Research:

Habt Ihr neue Rituale, Tools oder Formate eingeführt, um Eure Zusammenarbeit zu organisieren?

“Wir starten jeden Tag zusammen mit einem unternehmensweiten online Stand-up. Team Leads teilen motivierende Nachrichten, unser CEO beantwortet Fragen und redet ganz offen mit uns über Herausforderungen, es wird sogar für Geburtstage gemeinsam (laut und im falschen Ton) gesungen. Jeden Tag um 16 Uhr machen wir ein Stretching Break. Wir treffen uns in Hangouts, jeder schlägt eine Streckübung vor und dann machen alle ganz fleißig mit. 

Wir haben außerdem eine virtuelle Cafeteria eingeführt, das ist ein offenes Treffen auf Hangouts täglich zur Mittagszeit. Auf diese Weise können wir zumindest ein wenig für die zufälligen Treffen sorgen, die uns jetzt fehlen. Man weiß nie, wen man heute in der Cafeteria treffen wird, man lässt sich einfach überraschen. Diese tolle Idee war natürlich von einem italienischen Kollegen. Eine Sonderausgabe von unserem Newsletter bietet Unterhaltsames für Zwischendurch – wie zum Beispiel Ratespiele oder Empfehlungen für Netflix Serien, Filme, Bücher, Fitness Apps usw. Am letzten Freitag haben wir zusätzlich zu den üblichen Drinks und Austausch auch noch Scharade gespielt und uns alle dabei total kaputt gelacht. Es hat echt gut getan mal nicht über Corona zu reden und zusammen mit den Kolleg*innen einfach ein bisschen loszulassen!”

GetYourGuide Global Team
Über das Unternehmen

Seit der Gründung im Jahr 2009 haben Reisende über die Online-Plattform GetYourGuide mehr als 30 Millionen Touren, Aktivitäten und Tickets für Attraktionen in aller Welt gebucht. Das Unternehmen beschäftigt insgesamt über 600 Mitarbeiter*innen, verteilt auf den Hauptsitz Berlin sowie Niederlassungen an 16 weiteren Standorten.

Nikos Kalitta, Director Group Accounting & Taxation, GetYourGuide:

Welche Werte werden in Eurem Unternehmen nun noch stärker gelebt als sonst? 

“Unsere Kernwerte haben für uns immer schon, aber gerade in der aktuellen Zeit, eine immens hohe Bedeutung: Positivity, Passion, Learning, Clarity & Commitment. Ein Ausdruck davon ist meine Kommunikation mit dem Team. Auch im “normalen” Alltag ist das bereits das wichtigste Management Tool für mich – jetzt eben übertragen in die virtuelle Welt. So habe ich beispielsweise mit meinen Mitarbeiter*innen das zufällige „Schnacken“ in der Küche durch ein fest terminiertes virtuelles Kaffeetrinken ersetzt. Dabei geht es für 15 Minuten um alles außer berufliche Themen.”

Anni und Jule von im gegenteil
Foto: Jule Müller
Über das Unternehmen

Gestartet als die etwas andere Kontaktbörse, hat sich im gegenteil seit 2013 zu einem umfassenden Online-Magazin für Liebe, Herzschmerz, Fummeln, Nachhaltigkeit, Politik, Spiritualität, Emotionen, Frisuren und Katzen entwickelt.

Anni Kralisch-Pehlke und Jule Müller, Geschäftsführerinnen im gegenteil:

Was ist Euer persönlicher Home Office Hack?

“Ätherische Öle im Diffuser, viel Licht, mindestens einmal am Tag für eine Stunde an die frische Luft – irgendwo da, wo kaum Menschen sind und immer schön Abstand halten. Halbwegs gesundes Essen kochen, ja, täglich, abends ein bisschen Yoga und Meditation, Bitterschokolade ab 70% für Dopamin und Endorphine, natürlich geht auch Milchschokolade, nur da ist dann wieder zu viel Zucker drin für den täglichen Gebrauch. Kerzen und für alle, die können: KUSCHELN! Mit sich selbst, dem/r Partner*in, den Kindern.”