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„Die größte Herausforderung ist es, an die Vernunft der Menschen zu appellieren.“ – Einblicke in systemrelevante Berufe

„Die größte Herausforderung ist es, an die Vernunft der Menschen zu appellieren.“ – Einblicke in systemrelevante Berufe

Dr. Julian Bloch, 36 Jahre

Hausarzt in Erding, Bayern

“Im Moment warte ich zuhause auf mein eigenes Testergebnis, weil ich Kontakt zu einem Corona-Patienten hatte. Bis vor wenigen Tagen war ich noch in meiner Praxis, in der wir aktuell versuchen, möglichst wenige Patienten in der Sprechstunde zu haben, um erstens uns zu schützen und zweitens auch die Patienten. Das heißt, wir machen im Grunde weitestgehend Telefonsprechstunde. Die Patienten sind angehalten, sich in jedem Fall erst telefonisch bei uns in der Praxis zu melden. Wenn es ein infektiöser Fall ist, dann wird der Patient dahingehend beraten, sich zuhause selbst versorgen zu können. Wenn benötigt, bekommen die Patienten eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung per Post zugeschickt. Für Fälle, bei denen eine Corona-Infektion nahezu ausgeschlossen werden kann, haben wir ein Fenster eingerichtet, durch das Rezepte oder Überweisungen von den Arzthelferinnen ausgegeben werden. 

„Der Moment, an dem ich selbst bei mir einen Abstrich durchführen lassen musste, war für mich ein einschneidendes Erlebnis.“

Julian Bloch, Hausarzt

Vor etwa zwei Wochen haben wir im Team plötzlich eine Veränderung gespürt. Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als wir zusammensaßen und zum ersten Mal realisiert haben, was da wohl auf uns zukommen wird. Die Wochen zuvor waren eigentlich noch von dem Gefühl geprägt, dass die Krise weit weg ist und den Praxisalltag nicht beeinflusst. Nach unserem Team-Meeting haben wir dann schnell alle geplanten Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, und nicht akuten Termine abgesagt. Unser Programm innerhalb der Praxis haben wir auf ein Notfall-Minimum reduziert.

Der Moment, an dem ich selbst bei mir einen Abstrich durchführen lassen musste, weil ich Kontakt zu einem erkrankten Patienten hatte, war für mich das zweite einschneidende Erlebnis. Davor war ich im Modus, nur zu koordinieren, wer getestet wird. Und plötzlich war ich selbst betroffen. Mein Testergebnis hat natürlich auch weitreichende Konsequenzen auf meine persönlichen Kontakte und mein berufliches Leben.

Eine große Herausforderung ist es, an die Vernunft der Menschen zu appellieren, sich an die Maßnahmen zu halten – auch wenn sie drastisch erscheinen. Aktuell ist das die einzige Option, um es irgendwie einzudämmen. Das Thema Corona beherrscht alles: die Arbeitsweisen, Denkweisen, die Gespräche mit Kollegen sowie auch Zuhause. So etwas hat einfach noch niemand miterlebt, und das macht es gleichermaßen spannend wie beängstigend für mich. 

„Ich wünsche mir, dass Pflegekräfte endlich die Anerkennung bekommen, die sie verdienen.“

Julian Bloch

Trotzdem kann ich mir keinen anderen Beruf vorstellen. Ich versuche einfach meinen Teil beizutragen, indem ich mein Fachwissen an die Patienten weitergebe. Mein Job hat mir vor der Krise Spaß gemacht, und das tut er immer noch – auch wenn sich die Tätigkeiten stark verändert haben. Und das tun sie möglicherweise in den nächsten Wochen noch einmal: wenn Behelfskrankenhäuser errichtet werden, für die Ärzte benötigt werden. Ich würde dort unterstützen, wo es nötig ist und wo ich gebraucht werde.

Wenn die Krise auch einen positiven Effekt haben sollte, dann wünsche ich mir, dass Pflegekräfte endlich die Anerkennung bekommen, die sie verdienen – in der gesellschaftlichen Wertschätzung, aber auch finanziell mit einem angemessenen Gehalt. Wir Ärzte haben ein hohes Ansehen. Aber leider fallen dabei die Pflegekräfte unter den Tisch, die in den Krankenhäusern den Laden schmeißen und die Patienten pflegen. Jetzt sieht man tatsächlich einmal wie unter dem Brennglas, wie wertvoll und systemrelevant diese Berufe sind.“