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Glücklich in einem aussterbenden Beruf: Beleghebamme Christiane Hammerl

Glücklich in einem aussterbenden Beruf: Beleghebamme Christiane Hammerl

Unplanbare Arbeitszeiten, hohe Versicherungskosten, mangelnde Wertschätzung: Obwohl in Deutschland wieder mehr Babys zur Welt kommen, lassen sich immer weniger Frauen zur Hebamme ausbilden. Christiane Hammerl ist dennoch als freiberufliche Hebamme tätig – und liebt es. Sie wirbt für einen selbstbestimmten Umgang mit den eigenen Ressourcen, auch mithilfe neuer Technologien.

Christiane Hammerl erscheint in bester Laune zum Interviewtermin. Wer angesichts der vielbeschworenen Hebammen-Krise anderes erwartet, wird vom strahlenden Lächeln der 41-Jährigen überrascht. Sämtliche Medien berichten regelmäßig über unhaltbare Bedingungen in der Geburtshilfe – über schlechte Bezahlung bei zu viel Verantwortung, schließende Kreißsäle und einen chronischen Mangel an freiberuflichen Beleghebammen wie Christiane. Umstände unter denen auch sie leidet. Jeden Tag, wenn sich neue Schwangere bei ihr melden, die sich alle wünschen von ihr als Beleghebamme betreut zu werden, in Christiane eine Vertrauensperson zu finden, die sie vor, während und nach der Geburt begleitet und in jeder Situation sicher fühlen lässt. Den meisten Frauen muss sie absagen. Weil sie zu wenige Kapazitäten hat. Viel zu wenige. Wie die meisten ihrer Kolleginnen auch.

Trotz aller Widrigkeiten hat sich Christiane ganz bewusst für ein Arbeitsmodell als freiberufliche Beleghebamme entschieden. Ein Modell, das allmählich ausstirbt. Nur acht Prozent aller ausgebildeten Hebammen in Deutschland entscheiden sich noch dafür. Allein zwischen 2008 und 2010 haben fast ein Viertel von ihnen die Geburtshilfe ganz aufgegeben.

Vorbereitung im Kreißsaal
Kreißsaal Vivantes Berlin Friedrichshain
Hebamme Christiane Hammerl im Kreißsaal
Christiane, glaubt man den Statistiken wird es Deinen Beruf so nicht mehr lange geben. Warum ist er für Dich der Richtige?

Ich empfinde das Gesamtpaket, das mein Arbeitsmodell mit sich bringt als großen Luxus: Ich kenne die Frauen und ihre Wünsche schon vor der Geburt. Bereits während der Schwangerschaft treffen wir uns regelmäßig und bauen ein Vertrauensverhältnis auf. Ich lerne so ganz unterschiedliche Familien kennen. Außerdem habe ich als Beleghebamme die Möglichkeit, meine Zeit flexibler einzuteilen als im Schichtdienst der Krankenhäuser und so mehr Freiräume für meine Familie zu schaffen. Ich liebe, was ich tue und habe mit meiner Selbstständigkeit eine Arbeitsform gefunden, die zu mir und meinem Leben passt. 

„Wie Frauen die Geburt ihrer Kinder erleben, legt den Grundstein für den Start ins Familienleben.“

Christiane Hammerl
Du könntest auch freiberuflich als Hebamme arbeiten, aber ohne Rufbereitschaft. Das würde Dir die extrem hohe Berufshaftpflichtversicherung ersparen, die viele abschreckt.

Die Versicherungskosten sind eine große Belastung, klar. Ich muss mehr arbeiten, pro Jahr mehr Geburten begleiten, damit sich mein Modell rechnet. Dennoch möchte ich die Frauen nicht nur vor und nach der Geburt betreuen – sondern auch währenddessen. Die Geburt ist für mich der wichtigste Teil meiner Arbeit. 

Warum?

Eine Geburt ist ein großes Ereignis. Es macht mich glücklich junge Familien, insbesondere die Frauen, dabei zu begleiten, sie zu unterstützen. Wie Frauen die Geburt ihrer Kinder erleben, wie Kinder geboren werden – all das legt den Grundstein für den Start ins Familienleben. Es muss nicht alles perfekt, schmerzfrei und voller Glücksgefühle verlaufen, sondern so sicher, vertraut und selbstbestimmt wie möglich.

Im Auto
Zur Person

Christiane Hammerl, 41, ist ausgebildete Krankenschwester und Hebamme. Nach einer Station in Marburg, wo sie an der Uni-Klinik festangestellt war, arbeitet sie seit 2006 freiberuflich und seit 2014 in Berlin am Vivantes Klinikum am Friedrichshain als Beleghebamme. In dieser Funktion betreut sie werdende Mütter in allen Phasen der Schwangerschaft, begleitet die Geburt und stellt die Nachsorge mit Hausbesuchen sicher. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Berlin-Pankow.

Beleghebamme zu sein, bedeutet ständige Alarmbereitschaft. Ihr Handy trägt Christiane fast immer am Körper: Zu jeder Tages- und Nachtzeit können sich “ihre Frauen” melden, wenn die Wehen einsetzen. Geht es tatsächlich los, macht sich Christiane auf den Weg, ohne zu wissen, wie lange sie im Einsatz sein wird. Im Auto geht Christiane ihre innere Checkliste durch: Sind meine Kinder versorgt? Muss ich anderen Frauen absagen? Kann ich Termine verschieben? Was muss ich für die anstehende Geburt bedenken? Welche Vorgeschichte und Wünsche hat die Frau? Für Christiane ein wichtiges Ritual, ähnlich einem Gebet, so formuliert sie es: „Danach kann ich mich zu 100 Prozent auf die individuelle Geburtssituation einlassen.”

Ständig erreichbar und gleichzeitig für die eigene Familie da sein – geht das überhaupt? 

Es geht, aber ist natürlich nicht einfach, sondern ein ständiges Jonglieren mit Zeit: Einerseits will ich voll für meine Frauen da sein, gleichzeitig meine Familie nicht vernachlässigen.

„Um meine Frauen bestmöglich zu unterstützen, muss ich Ärzt*innen auf Augenhöhe begegnen können.“

Christiane Hammerl
Wie organisiert Ihr Euch als Familie?	

Als meine Kinder kleiner waren, hatten wir ein Au-pair. Mittlerweile sind sie alt genug und können sich selbst organisieren. Mein Mann arbeitet als Sonderpädagoge etwas stundenreduziert. Der ist da mit mir reingewachsen und ist heute ein echter Hebammen-Mann (lacht). Nachts um zwei hilft er mir mit einem Espresso auf die Beine zu kommen und nach schwierigen Geburten mit ausgiebigen Gesprächen. Ich achte darauf, dass es feste Auszeiten für die Familie gibt. Die Sommerferien sind beispielsweise komplett für meine Kinder reserviert.

Warum bist Du gut in dem, was Du tust?

Ich kann mich sehr gut fokussieren und konzentrieren. Dadurch bin ich voll im Moment, kann mich gut in Situationen einfühlen, ruhig und lösungsorientiert bleiben, auch wenn es stressig wird. Mittlerweile kann ich auch kämpferisch werden. Denn: um meine Frauen zu schützen und zu unterstützen und ihnen ein selbstbestimmtes Geburtserlebnis zu ermöglichen, muss ich den Ärzt*innen auf Augenhöhe begegnen können. Ich bin diejenige, der die Frau unter der Geburt vertraut, die ihre Vorgeschichte und Wünsche kennt. Meine Aufgabe ist es, diese zu vertreten und dafür Sorge zu tragen, dass sie gehört werden. Und Durchhaltevermögen und körperliche Kraft bringe ich mit. Beides braucht man als Hebamme, so eine Geburt kann schließlich viele, viele Stunden dauern.

„Ich finde es spannend, mich auch in andere, schnelllebigere, vor allem digitale Bereiche vorzuwagen.“

Christiane Hammerl

Auch vor dem Hintergrund der physischen Belastung gehört das Thema Vergütung zu den viel diskutierten Seiten des Hebammenberufs. Schnell wird es auch in unserem Gespräch philosophisch: Wie viel sollte eine Arbeit wert sein, die Leben schenkt? Die deutschen Krankenversicherer haben dazu eine klare Meinung: 38 Euro brutto für einen Wochenbettbesuch und 195 Euro für eine Geburt erhält eine freiberufliche Hebamme hierzulande pauschal. Davon muss Christiane aber nicht nur ihren Lebensunterhalt bestreiten, sondern jährlich etwa 8.000 Euro in eine Haftpflichtversicherung investieren.

Neben Deinem Herzblutjob hast Du Dir noch weitere, vorrangig digitale Geschäftsfelder erschlossen. Welche sind das? 

Ich bringe mein Fachwissen im Berliner Start-up Kinderheldin ein, das ich seit 2017 berate. Dahinter verbirgt sich eine Online-Beratung für Frauen, die selbst keine Hebamme finden können oder als ergänzendes Angebot für die Wochenenden, wenn die eigene Hebamme nicht erreichbar ist. Außerdem bin seit kurzem für den Windelhersteller Pampers im Experten-Service tätig, berate in der Produktentwicklung und stehe für Kundenfragen zur Verfügung. Im Sommer habe ich ein eigenes Podcast-Format ins Leben gerufen: als “Hebamme Berlin” spreche ich mit Frauen über ihre Geburtserfahrungen, um mit ein paar kursierenden Horrorgeschichten aufzuräumen (lacht).

Spaß im Kreißsaal
Hinter der Geschichte

Als Mütter haben wir alle schon hautnah Erfahrungen mit Hebammen gemacht, und dabei auch von den Schattenseiten des Berufs erfahren. Von Christiane wollten wir es genau wissen: Was hat es mit der Hebammenkrise wirklich auf sich? Stirbt der Beruf gar aus – oder kann man sich mit Kreativität auch gegen alle Widerstände ein erfülltes Arbeitsleben als Hebamme gestalten?

Sind es vor allem die finanziellen Vorteile, die Dich reizen, Dich beruflich breiter aufzustellen?	

Der Hebammenberuf ist ja ein bisschen angestaubt. Ich finde es spannend, mich auch in andere, schnelllebigere, vor allem digitale Bereiche vorzuwagen. Im besten Fall lerne ich gleichzeitig etwas für meinen Berufsalltag. Im unternehmerischen Umfeld fällt es mir beispielsweise leichter als Geschäftsfrau zu agieren und für meine Belange einzustehen. Das liegt mir im Hebammenumfeld nicht immer, in dem es vor allem darum geht, anderen zu helfen. Ich schätze den Austausch zwischen diesen Welten.  

Inwiefern hat sich Dein Hebammenalltag durch die Digitalisierung verändert? 

Zunächst: Ich wünsche mir unbedingt noch mehr digitale Tools für unseren Beruf! Zum Beispiel für die Erledigung der irrsinnig umfangreichen Dokumentationen und Abrechnungen für die Krankenkassen. Ich hätte dann mehr Zeit für meine Frauen und die eigentliche Arbeit als Hebamme würde sich besser rechnen. Auf der anderen Seite habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Digitalisierung zu stark in mein Privatleben eingedrungen ist. Meinen WhatsApp-Account musste ich wieder löschen. Ich wurde schlicht zu viel kontaktiert. Auch die Entwicklungen über Instagram steuere ich bewusst. Einerseits kann ich darüber meine Arbeit sichtbar machen, es entstehen schöne Kooperationsmöglichkeiten. Andererseits will ich keinen Werbeaccount betreiben. Es fühlt sich nicht richtig an, an einem Tag eine Geburt zu begleiten – für eine niedrige Entlohnung, und am nächsten Tag bei einem Fotoshooting das Fünffache zu bekommen. Am Ende geht es mir um meine Arbeit als Hebamme. Unter Berücksichtigung der Zeit, in der wir leben, den Herausforderungen, vor den wir Hebammen stehen, will ich die so gut wie möglich machen.

Foto Credits: Julili Photography