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„Ich finde, dass viele Menschen in der Krise freundlicher geworden sind“ – Einblicke in systemrelevante Berufe

„Ich finde, dass viele Menschen in der Krise freundlicher geworden sind“ – Einblicke in systemrelevante Berufe

Alle reden derzeit von „systemrelevanten“ Berufen – gemeint sind Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen, Lehrer*innen und all diejenigen, die jetzt in der Krise den Laden am Laufen halten. Wir wollten wissen, wie die Arbeit in diesen Berufen derzeit aussieht und was Corona für jede*n einzelne*n bedeutet. Heute: Zwei Polizeibeamte

Anonym, 24 Jahre

Polizeibeamter im Streifendienst

“Meine Arbeitszeiten haben sich zum Glück bislang nicht verändert. Wir bearbeiten weiterhin die normalen Delikte und versuchen viel Zeit an der frischen Luft – statt beengt auf der Dienststelle – zu verbringen. Unsere Arbeit veränderte sich aber mit Beginn der Ausgangssperre: Nun mussten wir Delikte gegen das Infektionsschutzgesetz verfolgen. Solche Sachen hatten wir noch nie gemacht und kannten uns selbst noch nicht so gut damit aus. Andere Dinge ändern sich auch mit der Coronakrise nicht: Es gibt weiterhin schöne und dankbare Einsätze, aber halt leider auch weiterhin die unschönen Erlebnisse.

“Mir ist es wichtig, in meinem Job gebraucht zu werden.”

Uns wurde nun der Urlaub gestrichen, was aufgrund der momentanen Lage aber auch nicht weiter schlimm ist. Wir sind eher froh arbeiten zu dürfen. Auch ich ganz persönlich bin dankbar eine Beschäftigung zu haben und nicht wie viele andere um meinen Job fürchten zu müssen.

Meine Schicht motiviert mich sehr. Wir sind ein gutes Team aus jungen Leuten. Zusammen zu arbeiten macht uns auch jetzt sehr viel Spaß. Ich würde meinen Beruf immer wieder wählen. Mir ist es wichtig, in meinem Job gebraucht zu werden.

Das gilt besonders in der aktuellen Situation: Ich kann etwas Sinnvolles in dieser Zeit für die Bevölkerung beitragen, auch wenn es bloß Kontrollen der Ausgangssperre sind oder schlicht, dass der normale Betrieb aufrecht erhalten werden kann.”

Anonym, 46 Jahre

Bundespolizist in der Verwaltung

“Ich arbeite im administrativen Bereich der Bundespolizei, das heißt: keine operative Tätigkeit mit Bürgerkontakt, sondern Büroarbeit. Ich war gerade aus der Elternzeit gekommen und mein erster Tag im Büro war auch gleichzeitig mein letzter, vorläufig zumindest. Mir wurde mitgeteilt, dass alle Mitarbeiter*innen, die nicht unbedingt vor Ort sein müssen, ins Homeoffice geschickt werden. 

Natürlich sind die kurzen Absprachen, für die man sonst mal eben in ein anderes Büro gegangen ist, jetzt nicht mehr möglich, aber es gibt ja ausreichend Kommunikationsmöglichkeiten um sich auszutauschen. Der Vorteil ist, dass man konzentrierter arbeiten kann, da die Möglichkeiten der Ablenkung zu Hause eher begrenzt sind als das vorher in einem Büro mit drei Kollegen der Fall war. Der Nachteil ist aber gleichzeitig, dass genau dieser Austausch über den Schreibtisch hinweg natürlich fehlt – und somit auch andere Blickwinkel und Betrachtungsweisen, Ideen und Ratschläge.

“Eine Einmalzahlung ist nett, aber auch gleich wieder weg. Dafür leisten zu viele zu viel.”

Meine Tätigkeit hat sich trotz der Krise nicht wirklich verändert. Aber wenn ich an alle Kolleg*innen auf der Straße denke, die sich jeden Tag der Gefahr einer Ansteckung aussetzen, ziehe ich den Hut vor dieser Leistung. Auch diese Kolleg*innen haben ja vielleicht Familienmitglieder, die zur Risikogruppe gehören.

Meiner Meinung nach wird sich das Bild mancher Berufsgruppen in der Öffentlichkeit nach der Krise sehr zum Positiven wandeln. Hoffentlich mit einem dauerhaften Effekt, der sich auch auf dem Konto, im Freizeitausgleich, oder in ähnlicher Form bemerkbar macht. Eine Einmalzahlung ist „nett“, aber auch gleich wieder weg. Dafür leisten zu viele zu viel.

Man hat hoffentlich ebenfalls registriert, wie weit die Digitalisierung in unserem Land fortgeschritten ist. Oder gerade nicht. Und dass es nun an der Zeit ist, sich dahingehend mal wirklich zu bewegen. Vielleicht bemerken die Leute außerdem, dass ein gesunder Abstand zu unseren Mitmenschen nicht immer das Schlechteste ist und nicht jede Lücke schamlos ausgenutzt werden sollte.”

Foto: Markus Spiske