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„Viele spüren gerade: Einiges stimmt in meinem Arbeitsleben nicht“ – Ein Gespräch mit Joana Breidenbach

„Viele spüren gerade: Einiges stimmt in meinem Arbeitsleben nicht“ – Ein Gespräch mit Joana Breidenbach

Die Corona-Krise zeigt: Wandel ist viel schneller möglich als gedacht. Für das FAZ Quarterly Magazin haben wir bei Joana Breidenbach von der Plattform Betterplace.org nachgefragt: Was bedeuten die aktuellen Lerneffekte für die Arbeitswelt nach der Krise?

Wie wird die Pandemie unser Arbeitsleben verändern? Für das auf Zukunftsthemen ausgerichtete Magazin “Quarterly” der FAZ haben wir uns ausführlich mit dieser Frage beschäftigt. Während unzählige Videokonferenzen und Online-Teams begreifbar machen, welche Möglichkeiten das virtuelle Arbeiten mit sich bringt, werden auch die großen Herausforderungen deutlich sichtbar. Was bedeutet der mit Homeoffice einhergehende Kontrollverlust für Führungskräfte? Und wie können wir alle die aktuellen Erfahrungen nutzen, um die eigene Beschäftigung bewusster und persönlicher zu gestalten?

Im Zuge der Recherche haben wir unter anderem mit Joana Breidenbach, Autorin und Mitgründerin der Spendenplattform Betterplace.org und des Thinktanks Betterplace Lab, gesprochen. Bereits vor sechs Jahren trat sie bei Betterplace Lab als Chefin ab und ersetzte das klassische Hierarchiegebilde durch eine, wie sie es beschreibt, “fluide kompetenzbasierte Struktur”. Themen mit denen Joana sich bereits seit Jahren beschäftigt, stehen durch Corona plötzlich für ganz viele oben auf der Tagesordnung. Hier unser Gespräch mit ihr in Gänze.

„Wichtig ist in diesen Monaten: Welche Erfahrungen machen die Menschen? Für einen Businesstermin in ein Flugzeug steigen, wollen viele nicht mehr. Viele spüren: Einiges stimmt in meinem Arbeitsleben nicht.“

Joana Breidenbach
Joana, seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist auch in der Arbeitswelt vieles anders. Kann man überhaupt bereits über die Zukunft nach Corona sprechen?

Vieles von dem, was wir aktuell lesen, wohin die Post-Corona-Arbeitswelt steuern könnte, entsteht aus einem Wunschdenken heraus. Natürlich wünsche auch ich mir bestimmte Dinge. Doch wir wissen nicht, wie es mit dieser Pandemie weitergeht, und so ist auch nach wie vor nicht wirklich vorhersehbar, was passieren wird. Das Neue ist schließlich nicht das Fortschreiten der Vergangenheit, sondern das Neue ist etwas Neues. Wichtig ist in diesen Monaten: Welche neuen Erfahrungen machen die Menschen? Welche neuen Räume tun sich auf? Für einen Businesstermin in ein Flugzeug steigen, wollen viele nicht mehr. Immer ganz früh aufstehen und durch den Tag hetzen, auch nicht. Viele haben während des Lockdowns gespürt: Einiges stimmt in meinem Arbeitsleben nicht.

Zum Beispiel wurde, und wird nach wie vor, in Zeiten von Homeoffice deutlich, dass das alte hierarchische Führungsmodell an vielen Stellen schwächelt. In einer immer komplexeren Welt kann die eine heroische Führungsfigur nicht mehr alles wissen, alle führen, alle retten. Bei Betterplace Lab habt Ihr Euch bereits vor sechs Jahren vom Führungsmodell durch eine Person verabschiedet und organisiert Euch stattdessen projektbasiert immer wieder neu. Könnte die Pandemie ein allgemeines Abflachen der Hierarchien fördern?

Viele Führungskräfte, die bislang sehr hierarchisch aufgestellt waren, durchlebten während des Lockdowns große Kontrollverlustängste, zusätzlich zu den persönlichen und unternehmerischen Sorgen. Viele spüren, dass sie als Schwarmgebilde nicht sonderlich gut aufgestellt sind. In meiner Zeit als Chefin von Betterplace Lab war ich oft verwundert, wie wenig von meiner Definition, was das Unternehmen eigentlich sei und ausmache, wirklich beim Team durchgesickert war. Also habe ich alle mal eine Art Ted Talk machen lassen. Darin sollte jede*r die eigene Definition schildern. Die Kluft zwischen dem Wissen im Team und mir war so immens, dass etwas passieren musste. Und genau das erleben in diesen Monaten ganz viele. In einer Zeit, in der man keine Kohärenz schaffen kann, sondern Gemeinsamkeit, Zielorientierung und Qualitätsmanagement anders kreieren muss, werden Differenzen sehr spürbar.

Was folgt darauf?

Das Normalste wird sein, dass Unternehmen nach der Pandemie wieder den Ursprung herstellen und auf lang bewährte Strukturen und Tools zurückgreifen wollen, die womöglich gar nicht mehr zur neuen Realität passen. Schon jetzt ist klar, dass sehr viele Angestellte auf die Möglichkeit von Homeoffice nicht mehr verzichten wollen. Unternehmen können die Chance nutzen und von den Erfahrungen der ganzen New Work Welt lernen. Dort versuchen auch viele Unternehmen beispielsweise ganz agil und hierarchisch flach zu arbeiten. Doch wenn die Haltung, die Abläufe, das Mindset sich nicht mit verändern, bringt kein Tool dieser Welt etwas, sondern bedeutet nur noch mehr Information und Überforderung. Will sich ein Unternehmen wandeln, muss es Veränderung ganzheitlich angehen.

„In der Landschaft der Berufe verändert sich allgemein gerade etwas, und die Pandemie macht dies noch sichtbarer. Es ist nicht mehr so super cool, Investmentbanker zu sein oder Start Up Boy.“

Joana Breidenbach
Darüber hast Du jüngst das Handbuch “New Work Needs Inner Work” veröffentlicht.

Ich spreche immer vom äußeren und vom inneren Wandel – beides muss sich wie ein dynamisches Membran spiralartig gemeinsam irgendwohin entwickeln. Bei der äußeren Dimension geht es um die Strukturen im Unternehmen, die Prozesse und Kompetenzen, bei der inneren um die Haltung im Unternehmen, die Vision von Führung und Zusammenarbeit, die individuellen Bedürfnisse – wer braucht was, um sich sicher zu fühlen. Wer das Außen verändert, muss auch das Innen anpacken. Wer aber weiterhin mit den gleichen Glaubenssätzen und Kommunikationsformen operieren will, kann keinen Kultursprung machen.

Zur Person: Joana Breidenbach

Die Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Speakerin und Mitgründerin der Spendenplattorm Betterplace.org und des Think Tanks Betterplace Lab trat bereits vor sechs Jahren bei Betterplace Lab als Chefin ab und ersetzte das klassische Hierarchiegebilde durch eine „fluide, kompetenzbasierte Struktur“. Zuletzt hat sie das Buch „New Work Needs Inner Work“ veröffentlicht – ein Handbuch für Unternehmen auf dem Weg zur Selbstorganisation. Joana ist eine beliebte Stimme aus der Praxis, wenn es um den Abbau von Hierarchien geht.

Während des Lockdowns wurden die in den systemrelevanten Berufen arbeitenden Menschen gefeiert und bedauert zugleich. Alle Welt schrie nach einer besseren Bezahlung, wovon schon jetzt nicht mehr viel zu hören ist. Andere hinterfragten damit einhergehend den Sinn ihrer Tätigkeiten. Was bleibt von alldem?

In der Landschaft der Berufe verändert sich allgemein gerade etwas, und die Pandemie macht dies noch sichtbarer. Es ist nicht mehr so super cool, Investmentbanker zu sein oder Start Up Boy. Es gibt so viele Purpose-Konferenzen, wo es genau darum geht: Wie erkennen wir in unserem Schaffen einen Sinn? Selbst bei den großen Unternehmensberatungen wie McKinsey oder Price Waterhouse Cooper existiert dieser Diskurs, es bilden sich so genannte Mindfulness-Gruppen, die Achtsamkeit lehren, um die Kreativität zu fördern. Da entwickelt sich derzeit ein natürliches Verständnis und das ist neu. Die große Solidarität mit den Angestellten in Supermärkten oder dem Pflegepersonal während des Lockdowns aber hat damit wenig zu tun. Diese Solidarität entstand aus individuellen Ängsten heraus. Ich habe Angst, deshalb soll die Krankenschwester besser bezahlt werden. Solidarität ist jedoch nur relevant, wenn sie nicht nur das engste Umfeld betrifft, sondern wie die Buddhisten sagen: der “Circle of Compassion” größer wird. Das wäre der nächste Schritt. Wenn die Pandemie dafür genutzt würde, eine größere globale Solidarität zu schaffen und die Menschen auch in Krisenzeiten beispielsweise auf Betterplace mehr für Flüchtlinge und Wanderarbeiter in Indien spenden. Wahrscheinlich ist jedoch eher, und das ist ja jetzt bereits absehbar, dass auch nach der Krise nur der Wiederaufstieg des eigenen Aktienpakets zählen wird, und dass die Menschen an der Supermarktkasse weniger verdienen, wird damit begründet, dass man ja auch länger studiert hat.

„Die strenge Trennung von Privatem und Beruflichem ist ein Konstrukt, das aus der Industrialisierung stammt, als Menschen erstmals von ihrer Arbeit entfremdet wurden. Seitdem wurde dieses von anderen kreierte Jobregime nie wirklich in Frage gestellt.“

Joana Breidenbach
Während des Lockdowns musste jede*r plötzlich improvisieren, Videocalls aus dem Wohnzimmer, Kindergeschrei nebenan. Die Arbeitswelt schien ein Stück menschlicher und privater zu werden. Bei Betterplace Lab macht Ihr Euch die Vermengung vom Beruflichen und Privaten gezielt zunutze, über Emotionen, auch Privates sprechen ist in fast jedem Meeting an der Tagesordnung. Was hat Euch dazu bewogen?

Diese strenge Trennung von Privatem und Beruflichem ist nichts Gottgegebenes, das ist ein Konstrukt, das aus der Industrialisierung stammt, als Jobs plötzlich erstmals extremst von uns Menschen entfremdet wurden. Damals im 19. Jahrhundert entstand ein Normativ. Seitdem wurde dieses sich Unterwerfen eines von anderen kreierten Jobsregimes nie wirklich in Frage gestellt. Ich stamme beispielsweise aus einer Familie mit einem Stammbaum, der sehr weit zurückzuverfolgen ist. Blickt man auf die Lebenswelten unserer Vorfahren wird klar, wie speziell unsere Arbeitswelten heute so sind. Wir sind alle Kinder der Leistungsgesellschaft. Das Bild “Du bist ein guter Mensch, wenn du möglichst viel leistest” ist unser Standard. Aber muss man überhaupt erwerbstätig sein? Könnte es nicht noch ganz andere Modelle wie ein “Universal Basic Income” geben? Natürlich ist das visionär, doch wir wollen ja gerade mehr ins Sein kommen, weg vom reinen Tun. Die Vermischung von Privatem und Beruflichem ist etwas ganz Natürliches, da können wir ruhig wieder hin zurück. Es ist schwachsinnig, acht Stunden am Tag einen großen Teil von dem auszublenden, was und wer und wie man ist.

Du nutzt die Meditation als ein Handwerkstool, um deinen Alltag zu schaffen. Du sagst auch: das wird kommen, überall. Nun stehen wir ja noch am Anfang der Digitalisierung, schon jetzt sind sehr viele Menschen total überfordert mit dem Dauerbombardement an Informationen. Schlägt mit Corona auch die Stunde der Meditation?

Ja und nein. Die Pandemie überwältigt derzeit viele. Normalerweise liegt so viel Aufmerksamkeit im Außen, von einem Termin zum nächsten hetzend. Plötzlich spürt man sich anders. Und es ist sehr hilfreich, bestimmte Dinge aus einer gewissen Distanz betrachten zu können. Oft ist mir dieser Mindfulness-Trend aber zu hohl. Da wird ein gesunder Gemütszustand propagiert: Alles soll immer ruhig und ausgeglichen und zen sein. Da geht es nur um Beruhigung. Da kann ich auch eine Schlaftablette nehmen. Die Welt ist nun mal ganz oft auch ganz schrecklich. Einige Unternehmen nutzen diesen Wunsch nach Ruhe und Ausgeglichenheit aus, und so entsteht ein heikler Grat zur Selbstoptimierung. Ich könnte mir vorstellen, dass im Zuge von Corona die Angestellten selbst mehr Angebote einfordern. Schlicht um mehr im Hier und Jetzt zu sein. Das muss dann nicht Meditation sein, sondern kann auch Sport oder Kunst oder sonst was sein. Einfach andere Disziplinen integrieren, je nach Unternehmen und Kultur.

Fotos 1 und 6: Nils Hasenau