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Jessica Prescott von Wholy Goodness: Der Foodblog als Kunstwerk

Jessica Prescott von Wholy Goodness: Der Foodblog als Kunstwerk

Als die gebürtige Neuseeländerin Jessica Prescott vor einigen Jahren nach Berlin zieht, hat sie die Gelegenheit, sich intensiv damit auseinanderzusetzen, was und wie sie in ihrem Leben arbeiten möchte. Heute hat ihr Foodblog "Wholy Goodness" nahezu weltweit eine treue Leserschaft und Jessica kann ihr Arbeitsleben vollkommen frei gestalten.

Es ist ein Freitag im Mai, Traumwetter und Jessica Prescott, die Macherin des Foodblogs Wholy Goodness, und ich sind auf dem berühmten Berliner Wochenmarkt am Maybachufer verabredet. Ihr Blog wird gerade immer bekannter und er ist ein wahres Kunstwerk: Ihr Foodstyling, das Handlettering, ihre Fotos – dahinter steckt viel Arbeit. Ich möchte mehr über ihren Alltag als Foodbloggerin wissen. Über ihre täglichen Herausforderungen, ob sie davon leben kann und wovon sie langfristig träumt.

Der Wochenmarkt in Neukölln ist zwei Minuten von Jessicas Wohnung entfernt, ich sammele sie vor ihrer Haustür ein. Wir haben gute Laune und freuen uns auf Blumen, Obst, Gemüse, Kaffee, frischgepresste Säfte und den Blick auf den Kanal. An einem sonnigen Frühlingstag gibt es kaum etwas Schöneres.

Während wir aufs Ufer zulaufen, zeigt Jessica um sich – auf die umliegenden Straßen, die Nachbarhäuser, den Spätkauf, eigentlich auf Berlin. „Deshalb liebe ich es hier“, sagt sie. „Den Markt direkt vor meiner Haustür, fünf Bio-Supermärkte um die Ecke, die Freiheit, zu jeder Tages- und Nachtzeit essen gehen zu können oder Bier beim Späti zu holen.“

„Wir wollten weder in Andys Heimat Australien leben, noch in meiner Heimat Neuseeland. Alle haben in dieser Zeit von Berlin geschwärmt und wir waren jung, frei und ungebunden.“

Jessica Prescott
Jessica Prescott auf dem Wochenmarkt
Zur Person

NameJessica Prescott

Jahrgang1985

GeburtsortNapier, Neuseeland

WohnortBerlin

BerufFoodbloggerin

Jessica ist in Napier, an der Ostküste Neuseelands aufgewachsen. Viel Sonne, Meer, aber eben auch Kleinstadtleben. Obwohl es sich um einen der schönsten Flecken der Erde handelt, ist ihr nach der Schule klar, dass sie weiterziehen möchte. Bis sie in Berlin landet, warten aber noch einige Zwischenstationen: Wellington, die Hauptstadt Neuseelands, Melbourne in Australien, New York in den USA. Danach noch einmal Melbourne.

Dieses Mal lernt sie Andy kennen, ihren heutigen Ehemann. Die beiden verlieben sich und bleiben zusammen in Melbourne. Nach zwei Jahren entschließen sie sich, nach Berlin zu ziehen: „Wir wollten weder weiter in Andys Heimat Australien leben, noch in meiner Heimat Neuseeland. Alle haben in dieser Zeit von Berlin geschwärmt. Und wir waren jung, frei und ungebunden. So sind wir einfach losgezogen, wir wussten nicht einmal, was wir in Berlin tun wollten“, sagt sie und lacht.

Mittlerweile leben Jessica und Andy seit über drei Jahren in Berlin, sie fühlen sich wohl und sind angekommen. Beide haben ihre Leidenschaften zum Beruf gemacht.

Andy ist einer der coolsten Friseure Berlins. Unterwegs mit dem Fahrrad, stattet er Hausbesuche ab. Inzwischen schneidet er die Haare ganzer Freundeskreise.

Gerade ist Jessica für die Saveur Blog Awards 2015, in der Kategorie ‚Best New Voice‘ nominiert. Ihre Kochkünste sind berüchtigt. Erst kürzlich hat sie wieder für die Kreativ-Plattform Freunde von Freunden gekocht. Sie ist unter anderem Brand Ambassador von Ace & Tate und, zusammen mit ihrem Mann Andy, Tour-Guide für Lucy vs. The Globe.

Zu ihrem Blog sagt Jessica: „Meine Rezepte sind alle vegan. Ich möchte aber niemanden bekehren, sondern nur zeigen wie einfach es ist, gesund und lecker zu kochen. Ich nutze keine industriell verarbeiteten Lebensmittel sondern finde meine Zutaten auf den Berliner Biomärkten. Unsere Erde bringt so viele Schätze hervor und was man daraus machen kann, schmeckt jedem von uns. Ich koche, um meine Rezepte zu teilen und andere zu inspirieren.“

Beim Einkaufen
Jessica, seit wann gibt es deinen Foodblog Wholy Goodness?

Seit März 2014.

Wie bist du dazu gekommen?

Kochen war immer meine große Leidenschaft. Als mein Mann Andy und ich nach Berlin gezogen sind, wollte ich mit einer kleinen Website mit Rezepten starten. Anstelle von Fotos, sollten meine Künstlerfreunde die dazugehörigen Header gestalten. Mir wurde dann aber schnell klar, dass man Essen sehen muss, um berührt zu werden. Also wollte ich einen Blog mit professionellen Fotos machen, was mich erst einmal ziemlich eingeschüchtert hat. Aber irgendwann hatte ich das mit dem Licht und so raus, und die Fotografie fing an, mir unglaublichen Spaß zu machen. Heute sind die Fotos ein ganz wichtiger Teil von Wholy Goodness.

„Ich liebe was ich tue. Da kann man doch eigentlich gar nichts falsch machen.“

Jessica Prescott
Was unterscheidet deinen Foodblog von anderen?

Bei mir bekommen die Leser sofort das Rezept. Sie müssen nicht noch lange über mich und mein Leben lesen, bevor sie erfahren, wie sie das Gericht nachkochen können („people just want the fucking recipe“). Auf meinem Blog ist auf der einen Seite alles sehr schlicht gehalten. Es gibt beispielsweise immer nur ein Foto pro Rezept. Auf der anderen Seite, sind mein Dekorationsstil und mein Handlettering eher aufwendig und ausgefallen. Jede Dekoration und Überschrift sieht anders aus. Ich habe noch keinen Stil gesehen, der meinem ähnelt. 

Jessica prüft die Qualität des Gemüses
Warum bist du gut in dem was du machst?

Ich liebe das was ich tue. Dann kann man doch eigentlich gar nichts falsch machen, oder? (lacht)

Was magst du an deiner Arbeit?

Sie macht mich glücklich. Ich kann meine Leidenschaften zusammenbringen: Kochen und Fotografieren. Dass ich beides auch noch mit anderen teilen darf, ist ein schönes Gefühl. Das Tollste an meiner Arbeit ist aber, dass ich mich jeden Tag an den wunderschönen und leckeren Schätzen unserer Erde erfreuen darf.

Was ist für dich der größte Vorteil an deinem Arbeitsleben?

Dass ich für alles selbst verantwortlich bin. Ich kann entscheiden, was ich mache, wie ich es mache und wann ich es mache. Außerdem gibt mir das Bloggen die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln. Ich möchte irgendwann unbedingt ein Kochbuch rausbringen. Durch Wholy Goodness kann ich mir bereits vor Veröffentlichung des Kochbuchs eine Leserschaft aufbauen.

„Ich arbeite zwischen vier und 16 Stunden am Tag. Es gibt Tage, an denen bin ich nicht zu stoppen.“ 

Jessica Prescott
Jessica und ihr Mann Andy
Das Paar in ihrer Küche
Was ist der größte Nachteil?

Dass das, was ich tue, sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Oftmals mehr, als ich aufbringen kann. Der Ablauf hinter den Beiträgen ist sehr aufwendig: Auf Märkte gehen, Zutaten aussuchen, Kochen oder Backen, Dekorieren, Schriftzüge gestalten, Fotografieren, Bilder bearbeiten, Texte schreiben, Beiträge erstellen.

Wie sieht ein normaler Tag bei dir aus?

Ich wache zwischen 7.30 – 9.30 Uhr auf. Das liebe ich an Berlin, dass ich hier kein schlechtes Gewissen bekomme, wenn ich den Tag später beginne. Nach dem Aufwachen mache ich mir einen Kaffee von meiner Lieblings Kaffee Rösterin Drop Coffee Roasters aus Schweden – den gibt es bei Companion Coffee im Voo Store Berlin. Während der Kaffee kocht, mache ich den Abwasch vom Vorabend. Das habe ich mir so angewöhnt. Meistens trinke ich dann meinen Kaffee im Bett, lese in meinen Büchern und lasse den Tag beginnen. Dann gucke ich endlich auf meine To Do Liste (lacht). Was ich dann anpacke, ist vor allem Stimmungsabhängig. Entweder arbeite ich nur administrativ oder ich ziehe das volle Programm durch: Vom Lebensmittel einkaufen übers Herumexperimentieren in der Küche, bis zur Erstellung des neuen Beitrags auf dem Blog. Dann bin ich bis in die Nacht beschäftigt.

Wie viele Stunden arbeitest du am Tag?

Ich arbeite zwischen vier und 16 Stunden am Tag. Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Tage, an denen bin ich nicht zu stoppen. Dann arbeite ich durch. Und es gibt Tage, an denen arbeite ich nur ein paar Stunden und verbringe dann den Tag mit meinen Freunden.

Wie wichtig sind dir geregelte Arbeitszeiten?

Nicht wichtig. Ich bin kein Fan von „9-5 Uhr“. Da ich das liebe, was ich tue, gehen Arbeit und Freizeit ineinander über. Der Nachteil daran ist, dass es mir schwer fällt abzuschalten. Egal ob ich aktiv arbeite oder nicht, ich beschäftige mich fast 24 Stunden mit Wholy Goodness. Das ist nicht immer gut. (lacht)

Auf Märkte gehen, Kochen oder Backen, Dekorieren, Schriftzüge gestalten, Fotografieren, Bilder bearbeiten, Texte schreiben, Beiträge erstellen – der Ablauf hinter den Beiträgen ist aufwendig.

Jessica Prescott
Kannst du von deiner Arbeit leben?

Momentan noch nicht. Ich bin noch am überlegen, welcher Weg hierzu für mich der Richtige ist.

Was müsstest du tun, um von deinem Blog Leben zu können?

Ich könnte auf meinem Blog Anzeigen schalten, aber ich glaube, das möchte ich nicht. Ich arbeite lieber an den Dingen, durch die ich noch mehr geben kann: Mein Kochbuch, Koch-Events, Pop-Up-Dinner, Private Dining, Catering, etc. Außerdem könnte ich mir vorstellen, langfristig meine eigenen Produkte auf den Markt zu bringen (“dukkah and my mums special chilli flakes, maybe her harissa paste too”). Wichtig ist aber vor allem: Wholy Goodness ist meine Leidenschaft, ich würde diesen Blog auch betreiben, wenn er gar kein Geld abwerfen würde.

Wie organisierst du dich, wie verdienst du deinen Lebensunterhalt?

Ich habe einen Nebenjob. Und meine zweite Leidenschaft, die Fotografie, bringt mittlerweile auch ein wenig Geld ein. Ich habe z.B. gerade wieder ein Cover für Stil vor Talent gemacht.

Was treibt dich an?

Meine Leidenschaft für das, was ich tue. Die Zufriedenheit, die ich dadurch erlange. Ich kann es nicht wirklich beschreiben, es ist mehr ein Gefühl.​ Außerdem motivieren mich meine Freunde, wenn sie mich nach einem Rezept fragen. Dann fange ich an auszuprobieren und daraus entstehen neue Beiträge.

„Das Internet gibt mir alle Möglichkeiten, eine große Leserschaft zu erreichen, die ich dann hoffentlich auch für mein Kochbuch begeistern kann. Das sind tolle Zeiten, in denen wir leben.“

Jessica Prescott
Vor welchen Herausforderungen stehst du und wie gehst du damit um?

Die Qualität von Blogs steht, wie ich finde, nicht immer im Verhältnis zu den Fanzahlen. Es wird viel inszeniert und getrickst und sich gegenseitig zu mehr Fans verholfen. Für mich ist es eine große Herausforderung, die nötige Anerkennung für meinen Blog, die sich auch in Fanzahlen ausdrückt, ohne diese Mechanismen zu bekommen. Ich versuche nach einem hohen ethischen Standard zu arbeiten und eine hohe Qualität abzuliefern – ich mache alles von Hand, meine Geschichten sind authentisch, ich kaufe nur regional und saisonal, verarbeite nachhaltig und ohne wegzuschmeißen. Ich denke, das kommt im Vergleich zu anderen Blogs nicht immer unbedingt heraus, sollte sich aber in den Fanzahlen wiederspiegeln. Außerdem benötige ich eigentlich dringend neues Kochequipment. Gestern habe ich mit einer Pfanne ohne Griff gekocht (lacht). Auf der anderen Seite liebe ich diese kleinen Herausforderungen.

Gibt es etwas, was dir Angst macht?

Ja, dass jemand meinen Stil kopiert und damit mehr Erfolg hat und mehr Anerkennung erlangt, als ich das schaffe.

Was wünscht du dir für die Zukunft und was tust du dafür?

Früher habe ich immer gesagt, ich möchte einmal die nächste Martha Stewart werden (lacht). Geblieben ist, dass ich gern eine Marke etablieren würde. Ich habe so viele Ideen um Wholy Goodness. Vor allem aber möchte ich mein erstes eigenes Kochbuch gestalten. Als ich noch ein kleines Mädchen war,  hatte meine Mutter ein handgeschriebenes, wunderschönes Kochbuch. Seitdem möchte ich selber eines herausbringen. Früher wusste ich nicht, wie ich das irgendwann einmal anstellen würde. Aber heute habe ich durch das Internet und Wholy Goodness die Möglichkeit eine große Leserschaft – sowohl hier in Deutschland als auch in meiner Heimat Neuseeland – zu erreichen, die ich dann hoffentlich auch für mein Kochbuch begeistern kann. Das sind tolle Zeiten, in denen wir leben.