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Bildungsexpertin Rona van der Zander: „Wir müssen vielmehr lernen zu lernen“

Bildungsexpertin Rona van der Zander: „Wir müssen vielmehr lernen zu lernen“

Überforderte Studierende, die mit einem Bachelor-Abschluss als Studienabbrecher*innen gelten; Universitäten, die auf die sinkende Halbwertszeit von Wissen keine Antworten haben und eine Gesellschaft, die immer noch glaubt, mit einem Job durchs Berufsleben gehen zu können: Derzeit reden alle über die neue Pisa-Studie – doch wie steht es um unser universitäres Bildungssystem? “Wir werden nicht vorbereitet auf das, was wir für die Zukunft brauchen”, sagt Rona van der Zander, Expertin für innovative Bildung. Woran liegt das und was muss sich ändern? Ein Treffen in Berlin-Mitte.

Ein bisschen riecht man es noch. Dass hier jahrelang gefeiert wurde. Und man sieht es. Die holzvertäfelte Bar zum Beispiel ist geblieben. Im zweiten Stock des ehemaligen Münzprägewerks am Ufer der Berliner Spree, heute bekannt als Alte Münze, treffen wir Rona van der Zander. Ihr aktuelles Büro: ein Coworking Space mit pastellfarbenen Sesseln und viel gelobtem Café im Erdgeschoss. Früher fand hier eine Partyreihe statt, heute wird hier gearbeitet. Rona ist Expertin für innovative Bildung. Von ihr wollen wir erfahren: Wenn die Halbwertszeit von Wissen fast jährlich sinkt, was sind Hochschulabschlüsse dann noch wert?

Rona, Du arbeitest mit Universitäten in ganz Europa zusammen. Sind die Hochschulen eigentlich auf die Zukunft vorbereitet?

Einige besser als andere. Grundsätzlich steckt das Bildungssystem aber noch im letzten Jahrhundert fest und bereitet nicht auf das vor, was wir für die Zukunft brauchen. Es gibt neue Hochschulen und Universitäten, die ein bisschen offener sind. Aber bislang bleibt es bei Ansätzen und Ausnahmen.

„Wir sollten uns als Menschen bilden, herausfinden, wo die eigenen Interessen liegen. Lerne ich, wer ich als Mensch bin, kann ich mein Leben lang darauf zurückgreifen.“

Rona van der Zander
Du sagst: “Wir müssen unsere Bildungssysteme und Lehrmethoden ändern, um die Menschen besser für eine Zukunft des konstanten Wandels vorzubereiten”. Ganz konkret: was läuft schief?

Wenn wir darüber sprechen, welches Skill-Set wir in einer Zukunft des konstanten Wandels brauchen, ist immer wieder von den vier K’s die Rede: Kreativität, Kommunikation, Kollaboration, Kritisches Denken. Zum Teil werden diese Skills schon an den Schulen vermittelt, aber viel zu wenig, vor allem, wenn es um Kreativität und kollaboratives Arbeiten geht. Was auch zu wenig Beachtung findet: Der Wissenstransfer hat sich radikal geändert. Im Elternhaus meines Großvaters gab es drei Bücher: eine Bibel, eine Enzyklopädie, ein Wörterbuch. Der Zugang zu Wissen war schwierig und daher wertvoll – heute hat man alles jederzeit zur Verfügung. Wie gehe ich damit um? Wie verarbeite ich den ständigen Informationsüberfluss? Was muss ich überhaupt noch lernen, wenn Informationen so schnell aktualisiert werden? Vier Jahre ist die aktuelle Halbwertszeit von Informationen in vielen Bereichen. Wenn ich meinen Bachelor mache, ist das, was ich zu Beginn des Studiums gelernt habe, veraltet. Wir müssen vielmehr lernen zu lernen, unser Leben lang dran zu bleiben, gleichzeitig zu filtern. Das kommt in den Curricula unserer Universitäten nicht vor.

Zur Person: Rona van der Zander,

Jahrgang 1989, ist Unternehmerin, Gründerin und Dozentin an verschiedenen Universitäten in Europa. Sie kooperiert weltweit mit großen Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen und internationalen Organisationen (einschließlich der Vereinten Nationen) im Bereich der innovativen Bildung. Sie ist die Gründerin von GrowbeYOUnd, einer Agentur, die Universitäten und Unternehmen dabei unterstützt, Kompetenzen für das 21. Jahrhundert aufzubauen. Ihre persönliche und berufliche Motivation: Menschen zu lebenslangem Lernen zu befähigen.

Ted Talk von Rona, September 2019
Wie lautet Dein Forderungskatalog ans Bildungssystem? 

Gerade war ich mit meinem Team an einer Brennpunkt-Schule, wir haben dort Zukunftsjobs entwickelt. Dabei entstanden Roboter, die in Wälder gehen, Kräuter anpflanzen und seltene Medizin draus machen. Als die Lehrer*innen die Modelle sahen, dachten sie, wir hätten den Schüler*innen inhaltliche Tipps gegeben. Wir sollten Kindern und Jugendlichen viel mehr auf Augenhöhe begegnen. Aus Frontalunterricht kann keine gute Zusammenarbeit entstehen.

Vorlesungen sollten abgeschafft werden?

Vor-Lesung. Das Wort sagt es schon! Vorne steht jemand, der irgendwann einmal irgendetwas gelernt hat und deswegen darf sich die Person jetzt vor alle stellen und ihnen etwas erzählen? Das funktioniert in Zukunft nicht mehr.

Wie muss es laufen?

Ob in der Schule, in der Uni oder im Arbeitsleben sollte es um Austausch gehen. Die Dinge verändern sich so schnell. Die Halbwertszeit von Wissen sinkt weiter. Da können die Älteren viel von den Jüngeren und vice versa lernen.

„Es gibt 21.000 verschiedene Studiengänge in Deutschland. Muss das sein? Je spezifischer der Inhalt, desto schneller veraltet er. Wir sollten an den Unis größer denken und die Fächer Philosophie und Geschichte integrieren.“

Rona van der Zander
Humboldts bildungsphilosophischer Ansatz war: “Wir bilden uns als Menschen aus”. Übersetzt ins Heute: Was bedeutet das?

Ich denke: Wir müssen nicht alle studieren. Und: Handwerk ist sehr wichtig. Jens Spahn fordert, dass Hebammen einen Hochschulabschluss brauchen. Das halte ich für falsch. Ein Beruf darf nicht mehr Anerkennung erfahren, weil er einen Universitätsabschluss erfordert. Es gibt 21.000 verschiedene Studiengänge in Deutschland. Muss das sein? Je spezifischer der Inhalt, desto schneller veraltet er. Wir sollten an den Unis größer denken, Philosophie und Geschichte integrieren. Wir sollten uns als Menschen bilden, herausfinden, wo die eigenen Interessen und Stärken liegen. Wenn ich lerne, wer ich als Mensch bin, kann ich mein Leben lang darauf zurückgreifen. Aber genau das verhindern die Bologna-Reformen.

Inwiefern? 

Alles ist verschult und schnell. Ich beobachte an allen Unis eine Überforderung der Studierenden. Ich habe ausländische Student*innen, die hier in Berlin sind und nie ausgehen, weil sie immer an irgendwelchen Essays sitzen. Würden sie aber ein paar Deutsche kennenlernen, die Sprache lernen, die Kultur genießen, wäre das für ihre Entwicklung sicherlich besser. Die gleiche Überforderung gibt es auch im Start-up Bereich.

„Interdisziplinarität gilt in Deutschland nicht als Mehrwert, sondern als Problem. Das spiegelt sich auch im Bildungssystem wider. In anderen Ländern gibt es eine ganz andere Offenheit, Themen und Tätigkeiten zu wechseln.“

Rona van der Zander
Das musst Du erklären!

Die Start-up-Leute mit denen ich arbeite, sind meist hart am Limit. Ich musste deshalb auch schon mal die Zusammenarbeit abbrechen. Deswegen plädiere ich immer dafür, dass an den Universitäten gelehrt werden muss, wie man sich und seinen Tag strukturiert: Wann lese ich Mails? Wann mache ich Meetings? Wann arbeite ich? Wir sind einem konstanten Bombardement von Informationen ausgesetzt. Wir müssen lernen damit umzugehen.

Wenn ich mich immer nur um meine Persönlichkeitsentwicklung kümmere, besteht dann die Gefahr, dass ich mich am Arbeitsmarkt vorbei ausbilde?

In Deutschland sind wir weit entfernt davon, uns zu sehr um unsere Persönlichkeitsentwicklung zu kümmern. In der Regel gehen wir noch immer davon aus, dass wir eine Sache in unserem Leben richtig lernen müssen und dieser dann bis zum Ruhestand nachgehen werden. Ich habe in acht verschiedenen Ländern länger gearbeitet und dort eine andere Offenheit gegenüber Erwerbsbiografien erlebt. Interdisziplinarität ist in den meisten Ländern kein Problem, sondern ein Mehrwert. In Deutschland gilt es aber eher als Problem, wenn man öfter Themen und Tätigkeit wechselt. Das spiegelt sich auch im Bildungssystem wider.

„In Deutschland glauben wir, dass wir nur eine Sache richtig gut machen können. Unser Blick ist so verdammt eng!“

Rona van der Zander
Hast Du ein Beispiel?

Zum Beispiel kann man nur einen Master in einem Themenbereich machen, in dem man auch seinen Bachelor abgelegt hat. Nach meinem Bachelor in Wirtschaft habe ich lange für die UN gearbeitet und wollte daraufhin einen Master in Politik und Internationale Beziehungen machen. In Deutschland geht das nicht. Das System erlaubt es nicht. Da müssen wir dringend neue Möglichkeiten schaffen und Interdisziplinarität fördern. Unser Blick in Deutschland ist verdammt eng! Und das zieht sich dann eben auch im Arbeitsleben fort – wir glauben oft, dass man nur eine Sache wirklich gut machen kann.

Wie ist es in anderen Ländern?

Ich habe mich in England eingeschrieben, dort ist der Wechsel zwischen den Themen kein Problem. Jedoch sitzen viele in den Kursen, die noch keine thematischen Vorkenntnisse haben. In den Niederlanden ist das besser geregelt: Da muss man genau darlegen, warum man in einem bestimmten Fach einen Master machen will. Überzeugt die Begründung, gibt es im Anschluss einen dreimonatigen Intensivkurs für die Basics.

Du arbeitest mit rund 15 Universitäten in verschiedenen Ländern mit Hunderten Studierenden zusammen: Studieren die Student*innen heute eher das, was sie persönlich interessiert oder für den aussichtsreichsten Abschluss?

Die meisten studieren das, was sie spannend finden. Natürlich motiviert viele der Abschluss, schließlich wird der in den meisten Fällen noch gebraucht, um weiter zu kommen. Bei der UN hätte ich manche Bewerbungen ohne Master nicht einreichen können und insbesondere in Deutschland gilt man mit nur einem Bachelor in der Tasche fast als Studienabbrecher.

„Universitäten müssen sich immer mehr fragen, wofür sie stehen, was sie bieten können und wollen – gerade weil sich Informationen und Inhalte immer schneller wandeln.“

Rona van der Zander
Große Unternehmen wie Google oder Apple sagen, dass akademische Abschlüsse schon jetzt immer weniger zu ihren Einstiegskriterien gehören. Wie passt das zusammen?

Immer mehr Unternehmen, besonders in der Tech-Branche, brauchen Leute mit Fähigkeiten, die in Unis nicht zu lernen sind. Universitäten sind riesige Tanker, bis Themen wie Smart Cities, Blockchain, Neue Technologien durch die Gremien und Hierarchien abgestimmt und in Curricula aufgenommen wurden, können genau diese Themen schon niemanden mehr interessieren. Wie gesagt: die Halbwertszeit von Wissen sinkt und sinkt. Wenn ich als Unternehmen Leute mit entsprechenden Kenntnissen brauche, ist mir egal, woher sie ihr Wissen haben – ob von einer Universität oder von Youtube. Meine Einschätzung: Unternehmen werden in Zukunft ihre eigenen Aufnahmesysteme kreieren, die auf viel individuellere, smartere Art und Weise herausfinden, ob jemand passt.

Heißt das, unsere Abschlüsse sind in Zukunft nichts mehr wert? 

Das ist die große Frage! In Australien, China und den USA hatte unter meinen Kolleg*innen niemand einen Master. Viele gehen stattdessen mit über 40 zurück an die Unis, um sich weiterzubilden. Ich halte es für wahnsinnig, wenn 18-Jährige, die noch keine Ahnung von Arbeitswelt haben, ihren Master of Business Administration machen. Denen möchte ich am liebsten zurufen: Geht raus! Schaut Euch die Welt an und kommt irgendwann zurück! In anderen Ländern macht man seinen Bachelor, ist ungefähr 22 Jahre alt, hat also 22 Jahre lang Dinge gelernt, dann geht man ins Arbeitsleben, sammelt Erfahrungen und kommt gegebenenfalls irgendwann an die Universität zurück. Ich glaube, Universitäten müssen sich immer mehr fragen, wofür sie stehen, was sie bieten können und wollen – gerade weil sich Informationen und Inhalte immer schneller wandeln.

Wie sieht Deine Universität der Träume aus? 

Ein Campus im Grünen am See mit offenen Räumen, viel Platz und Licht, wo man Ruhe finden und auch mal die Tür hinter sich schließen kann. Ein Ort, wo man sich frei entwickeln kann, wo Dinge schiefgehen dürfen, man transdisziplinär mit Studierenden aus allen Altersgruppen, aller Backgrounds zusammenkommt. Manche arbeiten an konkreten Dingen und andere sitzen hinter ihren Computern.