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No CV Hiring: „Ich musste den Lebenslauf einfach abschaffen!“

No CV Hiring: „Ich musste den Lebenslauf einfach abschaffen!“

„Ich möchte Menschen aufgrund ihrer Persönlichkeit auswählen und nicht weil sie eine bestimmte Universität besucht haben“, erklärt uns HR-Expertin Anna Ott gleich zu Beginn unseres Gesprächs. Die gebürtige Ostwestfälin hat sich mit ihren unkonventionellen HR-Methoden in Berlin einen Namen gemacht – derzeit berät sie die Start-ups vom Hub:raum, dem Inkubator der Deutschen Telekom. Dort etablierte sie auch einen radikal neuen Bewerbungsprozess: "No CV Hiring".

Die initiale Zündung für „No CV Hiring“, also die Bewerbung per Lebenslauf abzuschaffen, kommt Anna Ott, als sie im Auto das Hörbuch „The End of Average“ von Todd Rose hört. In dem Buch geht es unter anderem darum, wie unsinnig es ist, Menschen am statistischen Durchschnitt zu bewerten und zu vergleichen. „Ich dachte, dies betrifft auch meinen Bereich, ich kann nicht weiter auf Basis des Lebenslaufes Leute auswählen und über ihre Karrieren entscheiden. Ich muss die Bewerbung per Lebenslauf abschaffen und eine alternative Beurteilungsgrundlage finden.“

Anna Ott ist HR-Expertin beim Hub:raum Berlin, dem Inkubator der Deutschen Telekom. In ihrer Funktion unterstützt sie die von der Telekom geförderten Startups bei ihren Personalthemen. Hilfe zur Selbsthilfe ist das Motto. Sobald ein Startup personell wachsen will, steht sie den Teams als Partner und Experte zur Seite, so auch bei der Frage nach der richtigen Mitarbeiterauswahl.

An diesem Nachmittag im Auto überlegt Anna nicht lange, eben diese Mitarbeiterauswahl auf den Kopf zu stellen. Sie ruft noch aus dem Moment der Eingebung ihre Freundin Sara Lindemann, Geschäftsführerin des Video-Interview-Tools Viasto, an und bindet sie in ihr Vorhaben ein: „Wir müssen die Mitarbeiterauswahl modernisieren und die Bewerbung per Lebenslauf abschaffen“, verkündet Anna.

„Wir sollten uns eher damit auseinandersetzen, was Menschen in ihrer Zukunft wollen und nicht, wie bei Lebensläufen üblich, in der Vergangenheit herumstochern.“

Anna Ott

Dann geht alles ganz schnell. Schon am nächsten Tag entwickeln die beiden einen alternativen Bewerbungsprozess, der die Video-Bewerbung in den Mittelpunkt stellt. Anna deklariert das Projekt als ein Experiment mit dem Namen „No CV Hiring“ auf der Hub:raum-Karriere-Seite und kommuniziert es über die Social-Media-Kanäle nach außen.

Anna macht einfach. Sie fragt nicht um Erlaubnis, auch nicht innerhalb der Telekom. Ziviler Ungehorsam nennt man so etwas. „Ich dachte, jetzt bekomm ich eine Abmahnung oder werde gefeuert, aber stattdessen fand die Telekom den Vorstoß richtig gut.“

Die Euphorie des radikalen Aktes ist bei Anna immer noch zu spüren: „Der Tag, an dem ich die Idee einfach umgesetzt habe, war der Beste in meiner Laufbahn. Einfach zu machen, ohne wirklich zu wissen, wo es hinführt, das hat sich richtig gut angefühlt“, sagt sie und strahlt.

Anna Ott im Portrait
Anna, was erhoffst du dir von einer Mitarbeiterauswahl ohne Lebenslauf?

Ich möchte Menschen aufgrund ihrer Persönlichkeit auswählen, weil sie zur Kultur des jeweiligen Unternehmens passen. Und nicht weil sie eine ausgewählte Universität besucht oder mehrere Jahre für eine bestimmte  Firma gearbeitet haben. Anhand des Lebenslaufes ist dies sehr schwierig. Ich kann mir zwar anmaßen, anhand des Formats, Fotos, Hobbys und Lebensstationen etwas zu interpretieren, aber das ist natürlich reine Spekulation und von eigenen Stereotypen geleitet. Wir sollten uns eher damit auseinandersetzen, was Menschen in ihrer Zukunft wollen und nicht, wie bei Lebensläufen üblich, in der Vergangenheit herumstochern.

„Insbesondere im Startup-Umfeld werden oftmals Berufsgruppen gesucht, für die es nicht unbedingt eine vorgesehene akademische Ausbildung gibt.“

Anna Ott
Ist die Ausbildung oder das Studium gar nicht wichtig?

Insbesondere im Startup-Umfeld werden oftmals Berufsgruppen gesucht, für die es nicht unbedingt eine vorgesehene akademische Ausbildung gibt. Viele dieser Jobs kann man gar nicht studieren. Und wenn doch, dann ist das Wissen nach zwei bis drei Jahren vielleicht schon wieder veraltet. Das Fachliche kann man während des Jobs lernen, aber die Persönlichkeit muss man mitbringen.

Wie findet die Vorselektion ohne Lebenslauf statt? Auf welcher Basis wählt ihr die Kandidaten aus?

Der Prozess ist relativ schlank. Die Kandidaten erfahren auf unserer Job-Seite, dass wir die Bewerbung per Lebenslauf abgeschafft haben („No CV Hiring“) und werden aufgefordert, in anderer Form mit uns in Kontakt zu treten. Wichtig ist uns nur, dass die Bewerber in ihrem Anschreiben herausarbeiten, was sie in der Zukunft vorhaben, was sie interessiert und antreibt. Anschließend schicken wir den Bewerbern eine Einladung zu unserem Video-Interview-Tool. Von da an haben sie eine Woche Zeit, sich vor eine Webcam zu setzen und auf Englisch unsere sieben Nicht-Job-bezogenen-Fragen zu beantworten, die übrigens bei jedem gleich sind. Das Video darf nicht länger als 15 Minuten sein. Anhand der eingesendeten Videos wählen wir dann die Kandidaten für das “job-bezogene, fachliche Interview” aus.

Anna Ott berät Startups bei HR Themen
Zur Person

NameAnna Ott

Jahrgang1981

WohnortBerlin

PositionHR-Expertin beim Hub:raum, Deutsche Telekom

Wann gefällt dir ein Video? Was sind die Kriterien bei der Auswahl der Bewerberinnen und Bewerber?

Es geht weniger darum, wie sich jemand vor der Kamera verkauft. In der Einladungs-Mail zum Video-Tool steht zum Beispiel ganz deutlich, dass sie die Webcam auch zukleben und nur die Tonspur aufnehmen können. Ich achte eher darauf, ob eine Person etwas zu erzählen hat, wie sie die Fragen beantwortet und ob ich glaube, dass sie zur Kultur des jeweiligen Unternehmens passt: Welche Arbeitseinstellung hat die Person? Hat sie eine Vorstellung davon, was in Startups passiert? Wofür brennt die Person? In welchem Arbeitskontext funktioniert sie gut, in welchem nicht? 

Wie verhinderst du, dass du bei der Bewertung der Videos nicht unbewusst dein Ebenbild aussuchst?

Das kann ich natürlich nicht komplett verhindern. Ich denke, das Wichtigste ist, dass man sich über diese Tendenz bewusst ist und im Zweifelsfall gegensteuern kann. Ich, zum Beispiel, neige eher dazu Leute auszusuchen, die komplementär zu mir sind. Das heißt, ich mag Leute, die zwar eine ähnliche Arbeitseinstellung haben, aber ganz anders strukturiert sind und andere Stärken haben. Es gibt aber natürlich auch Kollegen, die wollen jemanden einstellen, der so tickt, wie sie, weil es ihnen Sicherheit gibt. Das muss jeder persönlich entscheiden. Die Hauptsache ist, das dies bewusst geschieht. 

Also hat die Auswahl immer etwas mit einem selber zu tun?

Ja, immer! Ich stell ja auch Leute ein, die mit mir zusammen arbeiten müssen oder ich entscheide für ein Team und versuche durch deren Brille zu gucken.

Anna Ott an ihrem Arbeitsplatz im hub:raum

„Viele bewerben sich aufgrund des „No-CV-Hiring-Prozesses. Dies zeigt sich auch in den steigenden Bewerberzahlen.“

Anna Ott
Stichwort “Unconscious Bias” - also unbewusste Stereotype, die unsere Entscheidungen beeinflussen: Inwiefern fördert oder verhindert der neue Auswahlprozess Diskriminierung?

Auch wenn ein Lebenslauf, besonders wenn er ohne Foto verschickt wird, sehr neutral sein kann, wird das Thema „Diversity“ seit Einführung unseres neuen Prozesses viel besser repräsentiert. Das kann daran liegen, dass wir vorab nicht mehr nach Informationen der Vergangenheit fragen. Es bewerben sich jetzt bedeutend mehr Menschen mit unterschiedlichsten kulturellen und beruflichen Hintergründen. Ein tolles Beispiel hierfür ist, dass wir vorher fast nur europäische Praktikanten bei Hub:raum hatten, diesen Winter aber neue Kollegen einstellen, die aus Myanmar, Namibia und Indien kommen. Das finden wir alle großartig bei Hub:raum! 

Die Bewerber haben sich also seit „No CV Hiring“ verändert?

Ja, es bewerben sich jetzt viel mehr Leute mit ungeraden Lebensläufen. Und genauso soll es sein. Wir wollen schließlich auch die Bewerber, die nicht ins Standard-Raster passen.

„Die Halbwertzeit von Wissen ist heute viel kürzer. Deshalb ist die Vergangenheit nicht mehr wichtig. Was jemand vor fünf Jahren studiert hat, korreliert nicht mehr unbedingt mit dem heutigen Wissen. „

Anna Ott
Inwiefern reagiert ihr mit eurer Bewerbung ohne Lebenslauf auf die sich wandelnde Arbeitswelt?

Die Halbwertzeit von Wissen ist in unserer heutigen Arbeitswelt sehr viel kürzer. Deshalb ist die Vergangenheit nicht mehr so wichtig. Was jemand vor fünf Jahren studiert hat, korreliert nicht mehr unbedingt mit dem heutigen Wissen. Ich denke auf diese Veränderung gehen wir durch unser neues Auswahlverfahren sehr gut ein. Gerade in einer Zeit, in der sich Arbeit und Leben stärker mischen, geben immer mehr Bewerber an, wie wichtig ihnen ist, dass die Kollegen ähnlich ticken. Diesem Wunsch werden wir durch das besondere Augenmerk auf die Persönlichkeit ebenfalls gerecht. 

Wie reagieren die Bewerber auf den neuen Prozess? Wie ist das Feedback?

Super! Viele Bewerber geben uns die Rückmeldung, dass sie sich aufgrund des Prozesses beworben haben. Dies zeigt sich auch in den steigenden Bewerberzahlen seit „No CV Hiring“. Außerdem schätzen die Bewerber das Signal, dass wir auf andere Dinge Wert legen, als auf einen top Uni-Abschluss oder die Länge der Betriebszugehörigkeit. Insgesamt verstehen auch alle drum herum, dass dies auf lange Sicht bedeutet, dass Menschen nicht mehr an ihren Jobs festhalten müssen, nur damit es im Lebenslauf gut aussieht.