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Nehmen uns Roboter die Arbeit weg, Mads Pankow?

Nehmen uns Roboter die Arbeit weg, Mads Pankow?

Welche Rolle wird Künstliche Intelligenz in Zukunft in unserer Gesellschaft und Arbeitswelt einnehmen? Mads Pankow ist Herausgeber des Gegenwartskultur-Magazins Die Epilog und Technikphilosoph. Er sagt: "Roboter können unser menschliches Denken nicht nachempfinden.“ Über den Unterschied zwischen Mensch und Maschine und darüber, warum einige Tätigkeiten nie automatisiert werden können.

Von Mads Pankow will ich heute wissen: Werden uns Computer in Zukunft intellektuell überholen und uns damit womöglich überflüssig machen? Seit einigen Jahrzehnten geistern bereits Visionen von künstlicher Intelligenz herum. Wir gehen davon aus, dass der Moment kommen wird, in dem Computer mindestens genauso schlau sind wie wir Menschen. Auch einen Namen hätte dieser Moment schon: Technologische Singularität. 

Insbesondere in den vergangenen Jahren, in denen der rasante technische Fortschritt immer deutlicher wird, verfestigt sich die Meinung, bald eingeholt zu werden. Auch die mediale Angstmache nimmt zu: Nehmen uns die Roboter die Arbeit weg? Schaffen wir uns selbst ab? Unsere dramatischen Vorstellungen vom Tag X werden gefüttert von Science-Fiction-Filmen, die uns von Kindheit an begleiten.  

Ist diese Aufregung gerechtfertigt? Warum ist dieser Tag noch nicht eingetreten, wenn wir doch schon so lange davon reden? Vielleicht ist das Ganze nicht so simpel, wie wir glauben. Was ist der Grund dafür, dass der Mensch doch nicht so einfach ersetzbar ist?  

Mads Pankow ist Experte für technikphilosophische und soziologische Fragen. In diesem Bereich beschäftigt er sich insbesondere mit dem Unterschied zwischen Mensch und Maschine und wie beide aufeinander wirken. Mads ist außerdem Herausgeber der Zeitschrift für Gegenwartskultur Die Epilog sowie Berater bei der Zentralen Intelligenz Agentur. Hier berät er Politik und Organisationen über aktuelle Trends, Gesellschaftswandel und Digitalisierung und leitet daraus zukunftsfähige Strategien ab. Einmal im Jahr veranstaltet er das Digital Bauhaus in Weimar, eine Konferenz für die Kreativ- und Kulturwirtschaft.  Mir ist Mads Pankow zum ersten Mal im Mai auf der diesjährigen Digitalkonferenz re:publica begegnet. Nach seinem Vortrag wurde mir vor allem eins deutlich: Bevor wir uns Gedanken über die Enteignung durch Roboter machen, sollten wir zu erst verstehen, wie eine Maschine operiert. Und wie der Mensch denkt. Ich treffe Mads in Kreuzberg:

Mads Pankow im Gespräch mit DEARWORK
Lieber Mads, was kann der Roboter? Was kann der Mensch?  

Roboter und digitale Maschinen können alles, was formalisierbar ist, also auf einen bestimmten methodischen und logischen Weg zurückzuführen ist. Und diese Tätigkeiten oder Vorgänge können sie in der Regel präziser und schneller als der Mensch. Was Maschinen oder Roboter nicht können, ist abstrahieren und reflektieren. Sie haben kein Bewusstsein. Das klingt eher beiläufig, ist es aber nicht. Denn ohne Bewusstsein ist kein Denken möglich, kein Verständnis von Tätigkeiten. Und genau das unterscheidet Maschinen von uns Menschen. 

„Jeder Mensch hat eine sehr eigene Perspektive auf die Welt und ein eigenes Verständnis von Wirklichkeit. Erst diese unterschiedlichen Perspektiven und Meinungen machen unser Menschsein aus.“

Mads Pankow
Was macht unser Denken aus? Warum können Roboter menschliches Denken nicht nachempfinden?  

Unser menschliches Denken basiert auf Sinn, das heißt auf der Art und Weise, Dinge in einen Zusammenhang zueinander zu setzen. Dadurch sind wir in der Lage, Bezüge zur Wirklichkeit herzustellen. Menschen können beispielsweise beurteilen, ob ein Satz sinnhaft oder sinnlos ist. Maschinen haben dieses sinnhafte Urteilsvermögen nicht. Wir versuchen es ihnen seit 70 Jahren beizubringen, aber geklappt hat es bis heute nicht. Maschinen können zwar sagen, ob ein Satz grammatikalisch vollständig ist und manchmal auch, was mit den Worten gemeint sein kann. Sie können aber nicht verstehen, ob ein Satz wirklich Sinn ergibt oder nicht.

Zur Person

NameMads Pankow

Jahrgang1985

GeburtsortOldenburg

WohnortBerlin und Weimar

StudiumMedienwissenschaft, Medienkultur und Organisationswissenschaft

Es geht also um den Unterschied zwischen sinnhaftem und formalem Denken?  

Richtig, der Computer unterliegt dem Zwang, sich eine eindeutige Welt schaffen zu müssen, die sich formal in 1 oder 0 abbilden lässt. Unsere Welt aber besteht aus lauter Widersprüchen.

Das heißt, das Widersprüchliche, das wir Menschen uns gerne gegenseitig zum Vorwurf machen, verhindert, dass unser Denken reproduziert werden kann? 

Ja, genau. Jeder Mensch hat eine sehr eigene Perspektive auf die Welt und ein eigenes Verständnis von Wirklichkeit. Niemand weiß, wie es wirklich ist. Aber erst diese unterschiedlichen Perspektiven und Meinungen machen unser Menschsein aus. Hinzu kommt, dass sich die Ungenauigkeiten und Widersprüche zwischen uns auch noch einmal in unserem eigenen Denken und Handeln widerspiegeln. Jeder kennt die Situation, dass wir heute einer Meinung sind und morgen einer anderen. Es gibt eben keine widerspruchsfreien Beschreibungen der Welt, die Welt ist zu komplex um sie in ihrer Gänze richtig zu erklären. Alles was wir von ihr wissen sind unzureichende Verkürzungen. Alle diese Widersprüche sind zwar sinnhaft abzubilden, aber nicht formal. Sinn operiert assoziativ und kann mit Ungenauigkeiten und internen Widersprüchen umgehen. Der Computer hingegen kennt nur 1 oder 0 und verträgt Paradoxien schlecht.   

„Was Maschinen nicht übernehmen können, sind Tätigkeiten, die das Verständnis von Wirklichkeit und das Erkennen von sinnhaften Zusammenhängen voraussetzen.“

Mads Pankow
Werden Computer menschliches Denken nie nachempfinden können, oder ist es alles nur eine Frage der Zeit? 

Das ist die Preisfrage. Der Knackpunkt ist, dass die aktuelle KI-Forschung (Künstliche Intelligenz) einem Missverständnis unterliegt. Sie geht davon aus: je schneller und besser wir Maschinen bauen, desto näher kommen wir dem denkenden Menschen. Das ist ein ähnlicher Trugschluss, wie zu glauben: Autos könnten irgendwann fliegen, wenn wir sie nur schneller und besser bauen. Die Architektur der digitalen Maschine bleibt in 1 und 0 und operiert somit auch weiterhin formal. Sollten wir irgendwann denkende Apparate haben, basieren diese auf einer Technologie, die bisher unbekannt ist. Sie müsste auf grundsätzlich andere Weise operieren, wie beispielsweise biologische Technologie oder Quantencomputer. Aktuell haben wir nur eine Vorstellung davon, aber das ist genauso spekulativ wie Beamtechnologie oder Zeitreisen. 

Wir operieren und denken also komplett unterschiedlich. Welche Arbeiten werden trotz alledem von Maschinen übernommen werden?  

Alle Tätigkeiten, die formalisierbar sind, also auf klare Regeln herunterzubrechen sind. Darüber hinaus werden KI-gesteuerte Roboter auch Aufgaben übernehmen können, bei denen sie auf einfache Lernschemata zurückgreifen können. In verschiedenen Qualifikationsbereichen wird sich der Algorithmus einschleichen, besonders im mittleren Management. Aufgaben sammeln und verteilen kann der Computer schon heute deutlich besser als der Mensch. Das sieht man zum Beispiel am Taxiunternehmen Uber. Der Computer erfragt, was der Kunde braucht, wo er steht und wo er hin möchte, um dann herauszufinden, wo das nächstbeste Taxi steht. Er ermittelt anschließend die beste Wegführung und beauftragt das Taxi, mit dem er am schnellsten zum Ziel kommt. Diesen Koordinationsprozess kann der Algorithmus längst viel schneller und effizienter als der Mensch. 

Welche Arbeiten wird der Algorithmus nicht übernehmen können? 

Was Maschinen nicht übernehmen können, sind Tätigkeiten, die das Verständnis von Wirklichkeit und das Erkennen von sinnhaften Zusammenhängen voraussetzen. Diese Information werden wir weiterhin an die Maschinen weitergeben müssen.   

Welche Berufe sind das konkret?  

Das klingt total abstrakt, aber z.B. der des Sacharbeiters in der Versicherung. Er übersetzt für die Antragsbearbeitung sinnhafte Zusammenhänge. Im Falle eines Unfalls versteht er reale Szenarien und zieht daraus seine Schlüsse. Diese Schlussfolgerungen setzt er in ein formales, vertragliches System der Versicherung ein. Der zugrunde liegende vertragliche Algorithmus bestimmt dann, ob dem Antrag stattgegeben wird, der Schaden am Ende also beglichen werden kann. Und genau hier liegt die zukünftige Arbeitsteilung zwischen Mensch und Algorithmus.

„Kreative Berufe und solche, die von Beziehungsaufbau leben, werden nicht so leicht ersetzbar sein.“

Mads Pankow
Welche weiteren Berufe sind nicht ersetzbar? 

Weiterhin sind es kreative Berufe und solche, die von Beziehungsaufbau leben. Also z.B. Entwicklertätigkeiten, Mitarbeiterführungspositionen oder soziale Tätigkeiten. Natürlich gibt es auch schon Roboter, die im Altenheim mit alten Menschen interagieren und ihnen eine grundsätzliche Kommunikationsbezugsgröße geben. Beispielsweise kleine Roboter, die fiepen. Aber wenn man sich ernsthaft mit menschlichem Bewusstsein auseinandersetzten will, wird man nach wie vor Menschen dafür brauchen.   

Die Frage für die Zukunft lautet: Wer arbeitet unter dem Algorithmus, bekommt also seine Anweisungen von der Maschine, und wer arbeitet über dem Algorithmus, entwickelt und bewirtschaftet ihn.

Mads Pankow
Wie wird sich unsere Arbeit also in Zukunft verteilen? 

Die Frage für die Zukunft wird lauten: Wer arbeitet unter dem Algorithmus, kriegt also seine Anweisungen von der Maschine, und wer arbeitet über der Maschine, entwickelt den Algorithmus und bewirtschaftet ihn. Und nicht zuletzt: Wer vermarktet den Algorithmus und wer verdient damit das Geld. Aber dies ist natürlich noch einmal ein ganz neues Feld.