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Unternehmerische Freiheit statt Großkonzern – Wirtschaftsinformatiker Till Simon

Unternehmerische Freiheit statt Großkonzern – Wirtschaftsinformatiker Till Simon

Till Simon macht nach seinem Abitur alles richtig – zumindest, wenn man es auf die klassische Karriereleiter abgesehen hat. Duales Studium bei Daimler, global in wichtigen Projekten eingebunden und schnell erste Erfolge. Bis sein damaliger Abteilungsleiter schließlich ausspricht, was Till längst spürt: Die Konzernwelt passt nicht zu seinen persönlichen Wertvorstellungen. Über den Sprung in die unternehmerische Freiheit.

Juli, 2015. Betahaus, Co-Working Space mitten in Berlin Kreuzberg. Freiberufler, Kreative, kleine Startups und digitale Nomaden tummeln sich, um gemeinsam Projekte zu verwirklichen, Ideen auszutauschen – oder einfach nur, um einen Platz zu haben, an dem sie zeitlich flexibel und unabhängig von anderen arbeiten können und ihre unternehmerische Freiheit genießen können.

Es sind 38 Grad, es ist Sommer in Berlin. Ausgerüstet mit kalter Orangenlimonade, wandern wir von draußen nach drinnen, von unten nach oben, vom Arbeitsbereich für Betahausmitglieder in den offenen Arbeits- und Kaffeebereich. Till ist Mitglied im Betahaus, der studierte Wirtschaftsinformatiker arbeitet von hier aus für seine Kunden, die ihn zur Beratung oder Umsetzung von App-Projekten heranziehen. Er hat einen sogenannten „Flex Desk“, das heißt, anstelle eines festen Tisches oder eines Büros innerhalb des Betahauses, kann er sich jeden Tag an einen neuen Tisch und zu einer anderen Gruppe von Leuten setzen. „Selbst was den Tisch angeht, genieße ich die Flexibilität“, sagt er ironisch und lacht. Doch es stimmt, man merkt Till an, dass er diese Arbeitswelt liebt: Er sprüht vor positiver Energie, spinnt eine Idee nach der nächsten, ist umtriebig, gut vernetzt, technikbegeistert, freiheitsliebend. Da ist diese Wertschätzung für die Freiheit, selbst über das tägliche Tun entscheiden zu dürfen, die man nur hat, wenn man es schon einmal anders erlebt hat.

„Die Freiheit, eigene Ideen entwickeln und kreativ arbeiten zu können, habe ich lange vermisst.“

Till Simon

Geboren und aufgewachsen bei Düsseldorf, geht Till nach dem Abi zu Daimler nach Stuttgart, absolviert ein duales Wirtschaftsinformatikstudium, wird übernommen, durchläuft über mehrere Jahre wichtige Stationen, ist global tätig und macht seine Sache gut. Alles sieht danach aus, als könne er eine klassische Konzernkarriere starten. Wenn er denn nur wollte. Es ist Tills Abteilungsleiter, der dies irgendwann offen ausspricht: „Sag mal, selbst wenn wir dir einen Teamleiterposten anböten, du würdest ihn nicht annehmen, oder?“

Till Simon vor dem betahaus
Zur Person

NameTill Simon

Jahrgang1984

BerufWirtschaftsinformatiker

WohnortBerlin

Till Simon kommt am betahaus an
Till, seit wann bist du selbstständig und was machst du genau?

Seit 4 1/2 Jahren. Ich habe mich auf die Konzeption und Umsetzung von mobilen Anwendungen, also Apps, spezialisiert. Es besteht vor allem ein großer Bedarf an Expertise was User Experience angeht. Zu diesen Themen bin ich auch Mentor bei einem Accelerator im Iran, dessen Teams ich erst letzte Woche vor Ort unterstützt habe. Wenn es die Zeit erlaubt, arbeite ich nebenbei noch an eigenen Projekten. Ich habe eine spezielle Lösung zum Vertrieb von Apps entwickelt und mit einer befreundeten Illustratorin ein interaktives Kinderbuch entworfen, das demnächst in einer ersten Version veröffentlicht wird.

Wieso hast du dich für den Wechsel vom Konzernjob bei Daimler in die Selbstständigkeit entschieden?

Irgendwann hat mich die Realität innerhalb des Großkonzerns eingeholt: Die Komplexitäten, gegenseitigen Abhängigkeiten und langwierigen Lösungsfindungen. Anstelle von Ärmel hochkrempeln und anpacken, folgt ein Abstimmungsmeeting dem nächsten. Viele wichtige Entscheidungen werden einem letztendlich oft abgenommen und die eigene Arbeit erscheint manchmal trivial. Das wollte ich nicht mehr. Trotzdem ist mir die Entscheidung nicht leicht gefallen, schließlich hatte ich eine sehr lehrreiche Zeit bei Daimler und die Möglichkeit mit Kollegen auf der ganzen Welt zusammenzuarbeiten. Außerdem war ich unsicher, wie mein Umfeld darauf reagieren würde, die Position im angesehenen Großkonzern aufzugeben. Das war schon ein großer Schritt damals.

„Irgendwann hat mich die Realität innerhalb des Großkonzerns eingeholt: Komplexitäten, gegenseitigen Abhängigkeiten und langwierigen Lösungsfindungen.“

Till Simon
Wie ging es dann weiter? Wie kam dir die Idee, dich im Bereich Apps selbstständig zu machen?

Nach meinem Austritt bei Daimler habe ich, zusammen mit einem Kumpels, für ein paar Monate in Buenos Aires gelebt. Das war damals sehr wichtig für mich: Erst einmal rauskommen, die Zeit genießen, mich neu inspirieren lassen, mir in Ruhe überlegen, wie es weitergehen soll. Die Idee, mich in der App-Branche selbstständig zu machen, stand dann relativ bald. Anschließend konnte ich mich bereits mit der fachlichen Einarbeitung und dem Organisatorischen beschäftigen. Als ich aus Argentinien zurück war, habe ich mit der Akquise begonnen: Netzwerke anzapfen, Agenturen kontaktieren, Meet-Ups besuchen. Daraus haben sich dann die ersten Kontakte und Projekte ergeben. Rückblickend war der Anfang am schwersten. Das Überbrücken der Unsicherheit, ob der eingeschlagene Weg zu mir passt, ob ich das Richtige tue, etc. Mit den erfolgreichen ersten Projekten konnte ich diese Unsicherheit aber überwinden. Und von da an, ging es dann fast von alleine.​

Arbeitsatmosphäre im Betahaus

„Egal, ob es um meine Freizeit oder ums Geldverdienen geht, es liegt fast immer in meiner Hand. Dadurch entsteht ein Gefühl von Freiheit.“

Till Simon
Was ist für dich heute der größte Vorteil an deiner Selbstständigkeit?

Das Gefühl, für mich selbst verantwortlich zu sein. Ich bin es, der bestimmt und priorisiert. Ein großes Projekt anzunehmen, bedeutet eine hohe Arbeitsbelastung und umgekehrt. Auf Reisen zu gehen, bedeutet weniger umzusetzen und umgekehrt. Egal, ob es um meine Freizeit oder ums Geldverdienen geht, es liegt fast immer in meiner Hand. Dadurch entsteht ein Gefühl von Freiheit.

Was ist für dich der größte Nachteil an der Selbstständigkeit?

Die Freiheit hat natürlich eine Kehrseite: Ich muss mich jeden Tag aus mir heraus organisieren und motivieren. Wenn ich mal einen Hänger habe, muss ich mich selber wieder rausziehen. In einem Team oder im Kollegenkreis ist das oftmals leichter.

Worüber freust du dich in deinem jetzigen Arbeitsalltag am meisten?

Über die Freiheit, eigene Ideen entwickeln und kreativ arbeiten zu können. Das habe ich lange vermisst. Außerdem freue ich mich über den sehr persönlichen, aber gleichzeitig konstruktiven Umgang mit anderen Unternehmern. In der Regel wollen wir in die gleiche Richtung und es geht sehr vertraut und handfest zu.

Was stresst dich in deinem Arbeitsalltag?

Wenn überhaupt, dann die Priorisierung meiner Projekte. Ich bin manchmal hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Kundenprojekten und auch eigenen Projekten, in denen ich mich kreativ ausleben kann. Diese Auseinandersetzung ist natürlich der Freiheit geschuldet, dass ich mir meine Ziele aussuchen kann.

Du arbeitest hier im Betahaus - wie sieht ein normaler Tag bei dir aus?

Normalerweise nehme ich mir Zeit für ein gutes Frühstück zuhause. Dabei checke ich schon einmal E-Mails oder lese mich in Themen ein. Wenn ich keine Kundentermine habe, fahre ich gegen 10 Uhr ins Betahaus. Mittags gehe ich entweder mit den anderen Betahausmitgliedern raus zum Essen, oder ich esse etwas Kleines zwischendurch. Abends bin ich oft bis 19 oder 20 Uhr da. Dann mache ich aber auch Feierabend und setze mich Zuhause in der Regel nicht noch einmal ran. Wenn einmal weniger ansteht, nehme ich mir aber auch mal einen Tag um abzuschalten.

Wie viele Stunden arbeitest du pro Woche?

Das ist ziemlich unterschiedlich und das kann ich gar nicht so genau sagen: Einige Wochen überdurchschnittlich viel, dann wieder eine Woche weniger. Ich habe das noch nie gemessen.

Wie wichtig sind dir geregelte Arbeitszeiten?

Nicht wichtig.

„Angefangen habe ich mit dem Gründerzuschuss. Von da aus stand ich schnell auf eigenen Beinen.“ 

Till Simon
Kannst du von deiner Arbeit leben?

Ja. Angefangen habe ich mit dem Gründerzuschuss, was den Start einfacher gemacht hat. Von da an ging es aber kontinuierlich bergauf, so dass ich schnell auf eigenen Beinen stand. Ich finde es wichtig, nicht unter finanziellem Druck zu stehen. Nur so kann man sich langfristig die positiven Seiten der Selbstständigkeit, unabhängig und frei in den eigenen Entscheidungen zu sein, bewahren.

Wovon träumst du langfristig?​

Langfristig wünsche ich mir, mich auch verstärkt auf eigene Projekte konzentrieren zu können. Dabei möchte ich mir gleichzeitig meinen Spielraum für Kreativität erhalten, schließlich wächst meine Ideenliste jeden Tag (lacht).

Was sind deine Herausforderungen?

Für Projekte oder auch ein Team verantwortlich zu sein und trotzdem zwischendurch längere Reisen machen zu können. Geschäftlich zu wachsen, etwas aufzubauen und trotzdem die erkämpfte Freiheit zu bewahren. Hier die richtige Balance hinzubekommen, zähle ich zu meinen großen Herausforderungen.

Wovor hast du Angst?

Eigentlich vor nichts. Ich glaube daran, dass sich immer neue Wege ergeben, solange man neugierig und in Bewegung bleibt.

„Geschäftlich zu wachsen und trotzdem die erkämpfte Freiheit zu bewahren, zähle ich zu meinen grötßen Herausforderungen.“

Till Simon
Was treibt dich an?

Natürlich Erfolg, wobei ich diesen nicht nur monetär messe. Aber vor allem treibt mich der ständige Drang gestalten und kreativ sein zu wollen.